Pages

Sonntag, 29. Januar 2023

Mottes Tagebuch - Von Sklaven und Piraten Teil 2

Tagebuch von Motte - Die Kunst ein Schiff zu Kapern

 

Gleich geht es los. Ich kann es kaum glauben. Bevor ich mein Tagebuch in Wachstuch einschlage will ich noch ein paar Zeilen schreiben. Wir werden tatsächlich versuchen, die „Atsea“ zu kapern. Oder viel besser wir werden versuchen, die Kapitäna zu einem Duell herauszufordern, um so die Gewalt über das Schiff zu erlangen. Genauso, wie es auch Eritha Kreuzfahrer am Ende des Buchs getan hat – ich hoffe es gibt einen zweiten Band, ich bin zu gespannt, wie es weitergehen mag. Dennoch hatte ich gedacht es wäre künstlerische Freiheit. Aber Juri meint, das würde nach dem Kodex der Küste möglich sein und die einfachste Art das Schiff in unsere Gewalt zu bringen. Ich hoffe, daß es klappt. Denn falls nicht, wäre der alternative Plan, dass wir wohl in die Sklaverei verkauft werden würden. Dann hieße es auf unser Glück und Besmeras Gunst vertrauen. Sei's drum, wir haben nur einen Versuch und dieser muss gelingen. Aber falls es wiederum ganz anders kommt, dann werde ich vorbereitet sein. Ich habe mir noch für teures Geld Schlafgas besorgt. Vielleicht können wir so im Fall der Fälle einen Vorteil erlangen. Aber nun will ich schließen, meine Sachen packen und mich mit den anderen Treffen. Ich bin schon sehr gespannt, wie Juri Hartmuut ausgestattet hat. Denn er soll die Herausforderung im Namen der Treibguthexen aussprechen. Ich hoffe Juri hat Recht, daß auch die Besatzung der „Atsea“ sich an den Kodex halten wird, sonst haben wir ein Problem. Sei's drum, dafür habe ich ja ein Vermögen für die Phiole mit dem Gas ausgegeben und neue Zauber trainiert.

-

Es ist unglaublich. Wir haben es tatsächlich geschafft. Das Schiff ist in unserer Hand. Wir haben uns an den Plan gehalten und es hat geklappt! So, wie unsere Aventurie angefangen hat, hat es nicht immer danach ausgesehen. Aber letztlich standen wir wohl unter dem Segen Besmeras, sonst würde ich jetzt nicht in mein Tagebuch schreiben, sondern angekettet mit einer Magiermaske unter Deck sitzen.

Zunächst sah es nicht danach aus, daß wir es einfach haben würden. Die Fahrt mit dem Ruderboot zur „Atsea“ gestaltete sich schwierig. Weder Harmuut, noch ich, haben bislang Erfahrung im Rudern gesammelt. Auch Juri hat offensichtlich ihre Fähigkeiten zur See überschätzt. Nachdem wir eine Mole gestreift hatten, übernahm dann James die Aufgabe uns zum Schiff zu bringen. Er stieg ins Wasser und zog uns in Richtung der „Atsea“. Dort enterten wir das Schiff und begaben uns in Verstecke. Unser Plan schien aufzugehen. Doch auch, wenn ich eine Illusion erschuf, damit wir nicht sogleich gefunden werden, wurden wir noch in Sichtweite von Port Grimm entdeckt. Jetzt hieß es handeln.

Hartmuut sprang aus seinem Versteck und gab mit gewaltiger Stimme und voller Überzeugung die von Juri ausgewählten Worte zum Besten: Bei den Treibguthexen ich fordere die Kapitäna zum Zweikampf auf das Amt nach dem Codex der Gesellschaft des Gezeitenarchipels – oder zumindest so ähnlich. Leider zeigte es nur bedingt Wirkung. Ein Pirat – wohl ein tilleanischer Pistoliero – zog seine Waffen und feuerte. Aber Hartmuut war gewandt und schlug die Pistolen zur Seite, so daß kein Schaden entstand. Auch Juri und James kamen aus den Verstecken, um sich dem Kampf zu stellen. Waren doch neben dem Pistolenmann noch einige Piraten, Gnolle und auch der orkische Maat an Deck. Da wir James davon überzeugt hatten, diesmal kein Blutbad anzurichten – jedenfalls nicht, wenn es nicht absolut unvermeidbar wäre – nahm er das ihm am nächsten stehende Besatzungsmitglied, hob es über seinen Kopf und schleuderte es auf den Tilleaner. Damit gingen dann Beide zu Boden.

Ich selbst nutze die Verwirrung, um mich mit Verschleiern zu tarnen. Im Tumult wäre es sicher nicht so notwendig gewesen, aber ich wollte nicht riskieren, sofort als Blinder Passagier enttarnt zu werden. So dringend wollte ich weder Zauber- noch Kampfkünste unter Beweis stellen. Vielmehr wollte ich die Kapitäna an Deck holen, damit das Duell stattfinden konnte. Damit bekam ich aber auch vom weiteren Verlauf des Kampfes zunächst nichts mit und muss mich bei der Wiedergabe darauf verlassen, daß meine Gefährten mir kein Seemannsgarn spinnen.

Nun nach der Erzählung war der Kampf heftig, aber zu keiner Zeit hätte die Gefahr bestanden, daß wir verlieren. Zwar gab es eine Übermacht, aber mit Zaubern und roher Gewalt war schnell die Oberhand gewonnen. James scheint dabei eine neue Möglichkeit entdeckt zu haben größere Mengen an Gegner zu erledigen, in dem er einen packt und auf andere wirft. Das hat wohl sowohl zwei Piraten zu den Haien, als auch den Maat von einem erhöhten Posten wieder auf das Deck geholt.

Aber – wie geschrieben – das weiß ich nur aus Erzählungen. Denn ich rannte derweil unter Deck und suchte die Kabine der Käpitäna. Was recht einfach war. Ebenso, sie davon zu überzeugen, daß sie an Deck gebraucht wurde. Sie war so sehr von meiner Aussage, daß sie gefordert worden ist, in Beschlag genommen, daß sie mich in ihrer Kajüte allein ließ. Was ich dazu nutzte schnell eine kurze Inspektion durchzuführen. Denn wußte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, wie einfach alles werden würde. Ich befürchtete, daß es keine kleine Chance gab, daß ich als Teil der Besatzung getarnt die anderen befreien müßte.

Daher wäre es gut noch einen Trumpf in der Hinterhand zu haben. Diesen fand ich dann in einer Truhe, welche mühelos mit meinen Dietrichen geöffnet werden konnte. Das Gold und Geschmeide ließ ich liegen – nun zum allergrößten Teil und schweren Herzens, aber es gab etliche Glasflaschen und Phiolen mit allerlei nützlichem Inhalt. So nenne ich jetzt einen Unsichtbarkeitstrank, zwei Verstrickungstränke und einen extrastarken Heiltrank mein eigen aber auch zwei schöne Armreife aus Gold mit Smaragden, die obenauf lagen. Grün passt schließlich hervorragend zu meinem Kopftuch – ich konnte einfach nicht widerstehen.

Derlei ausgestattet folgte ich der Kapitäna, die bereits auf Deck gestürmt war. Nicht aber ohne vorher ebenfalls die Quelle des übelriechenden, stechenden Gestanks zu erkunden: Trollhunde. Und ich dachte Hyänen wären die ausgefallensten Wachtiere. Aber diese waren zum Glück in ihren Käfigen und die Kapitäna war sich offensichtlich so sicher, daß sie sie dort auch beließ – welch ein Fehler. Wenn auch für uns ein außerordentlich glücklicher Fehler. Denn ist die einzige Hilfe gegen Trolle doch das Feuer. Etwas was sich nicht mit einem Schiff aus Holz verträgt, das hatte Juri mir in einem Tonfall erklärt, als ob ich eine trübe Tranlampe wäre. Nur weil ich eine Flasche Alchimistenfeuer mitnehmen wollte. Sei's drum, ich habe die Flasche trotzdem eingesteckt. Schließlich zeigen die Trollhunde ja, daß wir mit allem rechnen mussten. Und ist es nicht besser ein Schiff zu löschen – Wasser gibt es im Meer ja genug – als von einem Trollhund verspeist zu werden? Trotzdem sollte ich Juri mehr Aufmerksamkeit schenken, wenn sie mir etwas erklären will. Sicher meint sie es nur gut, weil sie in mir ein verstocktes kleines Kind sieht. Ganz davon abgesehen, daß ich, wenn ich meine Gedanken schweifen lassen – was schnell bei Juris Belehrungen passiert – wohl aussehe, als ob ich mit Anlauf vor eine Wand gerannt wäre. So hat zumindest Hartmuut es ausgedrückt. Ich bin gespannt, wie sie darauf reagiert, wenn ich endlich Mut und Zeit finde mein letztes Geheimnis zu enthüllen – vielleicht ist sie ja dann die „kleine“ Schwester.

Aber ich schweife ab. Denn kaum war die Kapitäna an Deck, sprach Hartmuut nochmals seine Herausforderung aus. Und glücklicherweise nahm die Mannschaft der Atsea diese Herausforderung ernst. Der Maat sprach dies mit seiner befehlsgewohnten Stimme aus: Die Waffen sollten ruhen, bis der Kampf entschieden ist. Also ließen die Piraten die Waffen sinken. Etwas, das Juri direkt ausnutzte und einem Piraten mit einem Tritt zwischen die Beine auf das Deck beförderte. Eigentlich wohl ein Bruch der Tradition, aber vielleicht auch nicht – kenne ich mich doch nicht mit dem Piratenkodex aus. Jedenfalls starren bald alle wie gebannt auf den Kampf zwischen Harmuut und der Kapitäna.

Und bei Besmera – das war ein Kampf. Die Kapitäna konnte mit ihren Entersäbeln wahrhaftig exzellent umgehen. Sie wirbelte die Klingen, daß es schien sie würden ein undurchdringlichen Schild aus Stahl bilden. Doch Hartmuut fand mit seiner Axt eine Lücke und so sah sich die Kapitäna plötzlich zurückgedrängt. Ein Teil der Mannschaft begann dann sogar zaghaft den Zwerg anzufeuern. Etwas, das die Kapitäna noch wütender machte. Doch in ihrer Wut machte sie Fehler. Sie schlug daneben, versenkte ihren Säbel in der Reling. Das entlockte einem der Gnolle ein heiseres Kichern, während der Pistolenmann – der sichtlich vom Kampf gezeichnet an der Reling lag – Hartmuut lauthals anfeuerte. Der lies sich nicht zweimal bitten und zerschlägt die Waffe der Kapitäna. Zusammen mit den Beschimpfungen und höhnischen Kommentaren von James und den Anfeuerungsrufen des jetzt Großteils der Mannschaft für Hartmuut war das zu viel für die Kapitäna. Sie bat um Parley. Wir hatten gewonnen!

Was dann kam, war ein großes Hallo der Mannschaft. Die Kapitäna wurde gefesselt und unter Deck geschafft. Der Maat fragte Kapitän Wurzel nach den Befehlen. Von allen wurde nach Rum gerufen. Und mit lauter Stimme befahl Hartmuut, nachdem Juri schnell an seine Seite geeilt war, Kurs auf Okeno zu setzten und allen einen ordentlichen Schluck Rum zu geben. Jetzt gilt es die notwendigen Informationen, wo wir die mysteriöse Zauberin oder zumindest ihre Gnolle finden können, aus der Kapitäna zu bekommen. Ich habe da schon einen Idee, wie wir es anstellen könnten. Ich bin gespannt, was die anderen dazu sagen werden.

Sonntag, 8. Januar 2023

Mottes Tagebuch - Von Sklaven und Piraten Teil 1

 Tagebuch von Motte - Vom Abfallschuppen in die Bruchbude

 

Für heute mache ich Schluss. Ich bin sehr zufrieden. Ich habe es fast geschafft. Es fehlt nicht mehr viel und ich habe endlich die nötige Routine für die Zauberhand entwickelt. Morgen werde ich wohl mich wieder trauen, mit der Wasserkaraffe im Zimmer zu üben. Aber nur, wenn ich dann endlich lösen konnte, wie ich die Verschleierung auch auf meine Kleidung ausdehnen kann. Zwar konnte ich mit Hilfe der Andeutungen im Hexenjägerhandbuch und durch die theoretischen Abhandlungen im „Hermeneutik der Zauberkunst“ rekonstruieren, wie sich Verschleiern aus Illusion ableitet, aber bislang gelingt es mir nur mein Aussehen zu ändern, noch nicht mehr. Immerhin konnte ich so schon die neue Farbe meiner Augen verbergen. Ich soll zwar meine Ängste überwinden und ehrlich sein, aber noch ist nicht der richtige Zeitpunkt gefunden. Jetzt will ich noch ein wenig lesen. Deutet sich doch an, daß Eritha Kreuzfahrer eine Möglichkeit gefunden hat, aus ihrem Kerker zu entfliehen. Ich bin gespannt, ob sie rohe Gewalt (hoffentlich – schon zwei Kapitel ohne ihre Kampfkunst) oder ihre Verführungskunst einsetzt (was mich dann angenehm, aber unruhig schlafen lässt).

-

Leider wurde nichts aus meinem erholsamen Schlaf und auch meine neue Formulierung der Verschleierung konnte ich nicht ausprobieren. Die Ereignisse wiesen in eine andere Richtung. Und auch jetzt habe ich nur wenig Zeit, so daß ich hoffe meine Schrift auch später noch entziffern zu können. Denn mitten in der tiefsten Nacht wurde ich unsanft aus dem Schlaf gerissen. Tante Baunz zerrte und zupfte ganz aufgeregt an mir. Da mir ihr Verhalten verdächtig vorkam, versetzte ich meinen Geist in ihren. So konnte ich eine zweite Präsenz im Geist von Tante Baunz fühlen – sicher Juri, die Tante Baunz geschickt hatte, mich zu holen. Ich wußte nicht wohin und Warum. So packte ich schnell die wichtigsten Dinge ein, schlüpfte in meine Stiefel und folgte dem Äffchen, das schon ungeduldig auf mich wartete.


In schnellem Tempo machten wir uns auf. Quer durch die Stadt in Richtung Abfallklippe ging unser Weg. Und immer, wenn ich etwas Vorsicht walten lassen wollte, zog Tante Baunz mich, wohl unter dem Einfluss von Juri, voran, bis wir an einem alten Schuppen ankamen. In diesem von Unrat und Tand vollgestopften Loch hatten sich James, Hartmuut und Juri versammelt. Und einer SEINER Möderlumpen: Six-Knives, das mißgestaltete Wechselbalg eines hirnlosen Ogers. Zu meiner Freude gebunden und offensichtlich – ihm fehlte ein Arm – schwer verletzt. Eigentlich wollte ich ihn sofort töten. Aber die anderen wollen nicht. Dabei atmet dieser Unhold, der selbst von Trollen gemieden wird, uns nur die wertvolle Luft weg.

Mir war es ein Rätsel, warum sie diese Ausscheidung eines kranken Tatzelwurms nicht gleich die Klippe runter geworfen haben. Also hörte ich mir die Geschichte an. Es war ein wenig verworren. Und so richtig einig waren sie sich bei der Erzählung nicht, wie es zu der Eskalation gekommen war, die sie hier in den Schuppen gebracht hatte. Sicher ist, Mel einer der Gründer der Gesellschaft, hatte Informationen zu einem Sklavenhalsband, das mit einer Beobachtungsrune versehen war. Darüber sollten die anderen mehr in Erfahrung bringen. Bei Majuhd – dem Sklavenhändler, der eine Sklavin mit besagtem Halsband an die Neferti (mit den verdammten Hyänen) verkauft hatte – kam es dann zu einer Auseinandersetzung. Dabei verlor Six-Knives seinen Arm durch James. Jetzt wurde sich erst mal versteckt, um ein wenig aus dem Blickfeld zu kommen, weil die Auseinandersetzung in ihrer Heftigkeit schon den Kodex von Port Grimm verletzten würde. Wobei mir nicht klar war, dass es einen Kodex gegenüber der Hanse geben kann, aber sei's drum.

Ich jeden Falls sollte dann sehen, ob ich Informationen aus einem Geschäftsbuch gewinnen könnte. Denn außer einen Bandenkrieg hatten die Anderen nicht viel erreicht. Das Buch war zwar verschlüsselt, aber mit einem Code, den selbst Tante Baunz hätte lösen können. Dennoch habe ich die Anderen im Glauben gelassen, daß es mir auch Probleme bereitet hätte, die Informationen zu finden. Im Prinzip war es ein Warenein- und Ausgangsbuch. So ließ sich recht schnell anhand der Transaktion mit der Sklavin für das Haus Neferti eine weitere, anstehende Transaktion finden. Eine Sklavin – Rilla mit Namen – sollte für das Haus Meseidon in Empfang genommen werden. Ebenso, wie Atlan die Sklavin für die Neferti, war sie keine Bestellung, sondern ein spezielles Angebot. Dieses wird durch die „Atsea“ ausgeführt, wie sich herausstellte ein Boot der Flotte der Flutdämon unter dem Kommando von Kapitäna Wardrak. Die wichtigste Information war aber, das Schiff würde alsbald in Port Grimm ankommen.

Dies führte zu einigem Hin und Her, was nun getan werden sollte. Es war zu vermuten, daß Rilla ebenso mit dem Sklavenhalsband das durch die Beobachtungsrune präpariert war versehen sein würde. Wollten wir herausfinden, woher diese aus dem Wissen der Runenherrscher geborener Zauber stammt, dann müssten wir tiefer graben. So war schnell beschlossen, die Ankunft der Atsea zu überwachen und dann aktiv zu werden.

Nun war nur noch die Frage, was mit Six Knives geschehen sollte. Die Anderen wollten ihn immer noch nicht töten, sondern jetzt sogar nach den Heilerinnen bringe. Ich zweifelte, daß dies ein gutes Vorgehen ist. Die Hanse würde sich mit uns da sicher keine Mühe gegeben, etwas zu verschleiern. Aber ich konnte mich mit der Idee den Bastard über die Klippe zu werfen nicht durchsetzen. Also half ich Juri den Verwandten einer lebendige Eiterbeule mittels eines Karren zum Haus der Heiler zu bringen. Bis auf einen lästigen Werber für das Theater in dem die Premiere von „Die Befreiung von Port Grimm“ gegeben wird, lief alles auch glatt. Mit Hilfe einiger Münzen von Juri wurden wir die Nervensäge los. Es muss meiner Übermüdung geschuldet gewesen sein, aber hätte es nur zwei Augenblicke länger gedauert. Ich hätte den Werber niedergestreckt.

Anschließend führte Juri mich in den Schleimaal aus. Eine interessante Lokalität. Dort wollten wir uns unter den Fischersleuten umhören und trinken. Einen Rum konnte ich jetzt wahrlich gebrauchen und nachdem einige Getränke ausgegeben waren, hatten wir auch einige Gerüchte aufgeschnappt. Es gibt wohl Probleme bei den Fischern. Seit die Flutdämon vor Port Grimm liegt gibt es in den Gewässern deutlich zu viele Haie, was die Geschäfte der Fischer schmälert. Aber auch über Wadrak und die Atsea ließ sich ein wenig zusammen tragen. Wurde doch hinter vorgehaltener Hand und bei gefülltem Humpen getuschelt, daß sie „Sonderaktionen“ mache. Sklaven auf Bestellung besorge und auch exotische Tiere und Monster jagen würde. Auch sei Mannschaft seltsam. Neben einem Orc, der als Maat fungiere, würden wohl einige Hyänenmenschen (schon wieder diese Höllenviecher) dort dienen. Aber wann das Schiff wieder in den Hafen einlaufen würde, war unklar. Es hieß also warten.

-

Bevor wir uns gleich wieder treffen, um unser weiteres Vorgehen zu beraten – wobei mir eingedenk der letzten Ereignisse unklar ist, ob das nicht verschwendete Lebenszeit ist, aber sei's drum – will ich schnell ein paar Zeilen auf Papier bringen. Denn auf Nacht folgte Tag und dieser war wiederum sehr ereignisreich.

Hartmuut hatte sich auch umgehört, oder besser umgesehen. Denn er bezog während wir in der Kaschemme Informationen sammelten einen guten Beobachtungspunkt. Juri wollte auch nochmals andere Quellen für weitere Informationen aufsuchen, so blieb mir ein durchaus amüsanter Auftrag. Damit James nicht auffällt musste er getarnt werden. Also besorgte ich ein wenig Farbe, um seine Schuppenzeichnung zu verändern. Es war fast, wie das Schminken damals in der Akademie. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal mit Farbe gearbeitet habe. Es machte richtig Spaß ein neues Muster auf die Schuppen zu malen. Auch wenn James nur widerwillig nach getaner Arbeit zugeben wollten, daß nun auch seine Brutmutter ihn erst auf den zweiten Blick erkennen würde. Er meinte stattdessen mehrmals ich bräuchte mir nicht noch mehr Mühe geben, Menschen würden eh denken Skrang sehen alle gleich aus. Aber ich beharrte drauf ihm einen schicken blauen Rückenkamm zu malen, je auffälliger, desto weniger werden die Leute sich an andere Merkmale erinnern. Leider war von meiner Kunstfertigkeit unter dem groben Umhang so gut, wie nichts zu sehen.

Derweil konnten wir auch die Gerüchte der Straße aufschnappen. Dort heißt es die Skrang haben mit der Hanse eine Auseinandersetzung begonnen. Dabei spaltet sich das Gerede in zwei Lager. Die einen wollen, daß die Hanse sich verpissen soll. Während von anderen zu hören ist, das Imperium – in Form der Hanse – soll endlich mal für Ordnung sorgen. Wenn sie wüßten, wie die Hanse die Ordnung des Imperiums durchsetzt, würden sie sicher nicht wünschen, daß dies geschehe.

Doch ich schweife ab, denn das Glück war uns hold. Kaum hatten wir uns auf ein Vorgehen geeinigt und Posten bezogen, kam auch schon ein Schiff mit den Gelben Segeln der Flotte der Flutdämon in den Hafen gesegelt, ein Zweimaster, die Atsea. Wir hatten abgemacht uns zu treffen, um beim Anlegen vor Ort zu sein. Als wir uns an einem unauffälligen Ort trafen, konnte ich sehen, daß im Hellen die Farbe von James sogar noch besser aussah, als in der Dunklen Hütte. Besonders der Glitter, den ich unter die Farbe gemischt hatte, kam zum Ausdruck und sorgte für einen schönen Effekt. Ich war mir jetzt wirklich sicher, nicht einmal die Brutmutter von James würde ihn wieder erkennen.

Es blieb noch ein wenig Zeit bis die Atsea am Steg festgemacht wurde. So konnten wir ohne Hast unsere Beobachtungsposten einnehmen. Ich tarnte mich als angelnder Gassenjunge – wozu nicht viel gehört, außer, daß ich einen Wurm an einer Angel im Hafenbecken baden würde. Juri dagegen nutze ihr Schaupieltalent und gab ein Fischweib, wie es viele am Hafen gibt. Hartmuut und James hielten sich im Hintergrund. Trotz allem waren sie zu auffällig.

Nach dem Einlaufen zeigte sich eine wilde Mannschaft. Ein Orc mit Peitsche – wohl der Maat – sorgte unter der Mannschaft für Ordnung. Diese hatte wirklich eine beachtliche Zahl an Hyänenmenschen. Ihre Kichernden Laute zerrten zunächst an meinen Nerven, doch konnte ich mich schnell daran gewöhnen. Kaum, daß die Atsea angelegt hatte, wurden zwei Gassenjungen als Boten losgeschickt. Ich folgte einem auf gut Glück. Schließlich hoffte ich zu erfahren an welchen Ort, außer dem des Sklavenhändlers Mahjhud die Atsea Geschäft macht. So folgte ich einem zu dem Xan-Händler mit den Wundermitteln. Dieser scheint gut Freund mit dem Maat zu sein. Denn sie herzen sich und er geht darauf an Bord, seine Ware zu begutachten.

So habe ich es nicht bemerkt, aber James hatte sich entschlossen, unter den Anleger zu schwimmen. Aber immerhin war ich rechtzeitig zurück, als dann Majhud mit einem halben Dutzend Wächtern im Hafen ankam. Sie gingen an Bord und kamen kurze Zeit mit einem Halbling unter einem Umhang wieder raus. Ich konnte Tante Baunz sehen. Damit dachte ich, waren wir zu Zweit, um zu sehen, ob auch hier ein besonderes Sklavenhalsband verwendet wurde. Doch dann passierte das Unerwartete. Aus irgendeinem Grund entschloss sich Juri sich nicht an den Plan, erst mal zu beobachten, zu halten. Sie wirkte einen Wasserstrahl mit dem sie den Halbling vom Anleger spülte. Nicht nur ich, alle auf dem Steg waren überrascht. Aber ich konnte noch sehen, wie Juri eine Wassergestalt wechselte und dann ins Wasser glitt. Dann brach Hektik aus. Denn der Hobbit ging unter, wie ein Stein. Ich konnte gerade noch die in der Sonne glitzernden blauen Rückenschuppen von James sehen.

Um zu Verschleiern, wer hier hinter dem Angriff stecken könnte und auch als Ablenkung, zauberte ich die Illusion eines Haiangriffs. Das hielt aber Majhud nicht davon ab mit seiner Reitgerte die Wächter dazu zu bewegen, ins Wasser zu springen. Auch wenn die Begeisterung deutlich geringer war, als sie die Haie sahen. Interessant war aber, was Majhud sagt, um auch die Besatzung der Atsea zum Eingreifen zu bewegen: „Denkt dran wer uns den Auftrag gegeben hat.“ Das sorgt auch auf der Atsea für Bewegung. Jetzt war der Zeitpunkt von dem Anleger unauffällig in Richtung Stadt zu verschwinden.

Ich traf mich an einem der vorher vereinbarten Treffpunkte mit Hartmuut. Der Zwerg wartete im Schatten und sah sehr unglücklich aus. Gemeinsam verdrücken wir uns unauffällig aus dem Hafen. Ich bin mir sicher, Hartmuut fluchte die ganze Zeit, auch wenn ich nur ein Brummeln hörte. Die Mine zeigte deutlich, er hielt nichts von Juris Vorgehen.

Wir hatten noch nicht angefangen über die Ereignisse zu reden, als Tante Baunz erschien und uns klar machte ihr zu folgen. Der Affe führte uns dann im Westufer zu einer Hütte. Wieder fand ich mich mit den anderen in einer Bruchbude wieder. Nur diesmal fand ich mich nicht mit dem Avatar der Niederträchtigkeit, sondern mit einer verschüchterten und noch immer reichlich durchnässten Halblingsfrau wieder. Es brauchte nur wenig Untersuchung, um die Beobachtungsrune auf dem Sklavenhalsband zu finden. Nur war die Frage: Wie kommen wir an Informationen über das Woher und durch Wen. Da uns nichts besseres Einfiel, tat ich das, wofür ich ausgebildet wurde. Ich drang mittels eines Zaubers in die Gedanken des Hobbits. Juri schien nur wenig begeistert, weil es im Besten Fall eine unangenehme Erfahrung war. Aber ich finde immer noch, es ist nicht schlimmer als der Kater nach einer Nacht im Drachen.

Und Rilla war ein offenes Buch. Ich konnte ihre ganze traurige Geschichte erinnern, als ob es meine eigene wäre. Rilla wurde in Dragesh gefangen genommen, dann auf den großen Sklavenmarkt nach Okent verkauft. Dort wurde sie von Gnollen gekauft und an eine Frau mit Schleier verbracht. Diese hat sie dann weiter ausgebildet, so daß sie die perfekte Sklavin für Haus Meseidon darstellen würde. Nach dem Ende dieser Ausbildung wurde sie wieder nach Okent verbracht und von dort auf die Atsea. Aber zuvor wurden ihre Erinnerungen verändert. Die Frau mit den dunklen Augen und dem Schleier ist offensichtlich eine mächtige Zauberin. Am interessantesten ist aber, daß sie unbekannte Magie einsetzte. Soweit ich erkennen konnte hat sie das Halsband nicht nur mit der Magie der Runenherrscher verzaubert. Es wurde auch Blutmagie eingesetzt. Das aber bedeutete, das Halsband kann nicht sicher entfernt werden, wir werden den Tod Rillas riskieren. Eine weiter interessante Information war, daß Majhud weitere Bestellungen empfangen würde.

Mit diesen Neuigkeiten und Rilla natürlich, begaben wir uns dann zu Mel. Dieser war überaus verärgert. Der Angriff auf die Atsea war ein Angriff auf die Flutdämon. Das forderte Rache, zusammen mit dem Angriff auf die Hanse, ein Desaster. Von Juri wird daraufhin eine Geschichte gesponnen, welche die Ereignisse so darstellt, als ob es von Anfang an ein Plan war. Eine Angriff der Treibguthexen gegen die Töcher Iskandras, nichts würde auf die Gesellschaft zurückfallen. Das muss diese Hexenweltsicht sein, die ich nicht verstehe. Die Stadt steht vor einem Krieg. Aber alles ist nach Plan gelaufen... Ich weiß gar nicht, warum Juri immer so tut, als ob meine Lust mehr zu Wissen und auch in verborgene Regionen vorzudringen ein Problem darstellt, ihre impulsiven Aktionen aber nicht.

Letztlich ging es noch einige Mals hin und her, bis sich Mel zumindest beruhigte. Schlussendlich stimmte er sogar zu, daß sich die Auseinandersetzung tatsächlich auf den Konflikt zwischen den zwei Hexenzirkeln schieben lassen könnte. Nur in einer Sache blieb er hart und hier musste ich ihm beipflichten. Wir mussten Rilla an das Haus Meseidon geben. Dort wäre die Halblingsfrau am sichersten. Denn wir konnten den Sklavenring nicht entfernen, ohne sie zu töten. Und als Luxussklavin im Haus Meseidon würde es ihr sehr viel besser, als unter den „Freien“ im Westufer, wo sie jederzeit aufgrund der Beobachtungsrune gefunden werden konnte. Es war nicht leicht, denn die großen Augen der Hobbitfrau füllten sich noch während wir sprachen mit Tränen und als ihre Unterlippe zu beben begann, musste ich den Blick abwenden. Juri versuchte mich zwar mit ihrem Blick zu tadeln und auch Harmuut und James waren nicht glücklich mit der Entscheidung. Aber auch sie mussten zustimmen, daß es keine Lösung gab, welche das Leben der Halblingsfrau garantiert hätte.

Deshalb ist es jetzt unsere Aufgabe herauszufinden, wer die verschleierte Frau ist und wie sie die Sklavenhalsbänder verzaubert. Das hieße nach Okent zu gelangen, die richtige Hyänenmenschen zu finden, von dort zum Versteck der Zauberin zu gelangen und ihr die Geheimnisse zu entreißen. Die Frage war nur wie. Alternativ könnte es vielleicht auch klappen die Atsea zu kapern und das Geheimnis aus der Kapitäna herauszuprügeln. Beides klingt wie ein Plan, der ungefähr gleich gute Chancen bietet.