Tagebuch von Motte - Die Kunst ein Schiff zu Kapern
Gleich geht es los. Ich kann es kaum glauben. Bevor ich mein Tagebuch in Wachstuch einschlage will ich noch ein paar Zeilen schreiben. Wir werden tatsächlich versuchen, die „Atsea“ zu kapern. Oder viel besser wir werden versuchen, die Kapitäna zu einem Duell herauszufordern, um so die Gewalt über das Schiff zu erlangen. Genauso, wie es auch Eritha Kreuzfahrer am Ende des Buchs getan hat – ich hoffe es gibt einen zweiten Band, ich bin zu gespannt, wie es weitergehen mag. Dennoch hatte ich gedacht es wäre künstlerische Freiheit. Aber Juri meint, das würde nach dem Kodex der Küste möglich sein und die einfachste Art das Schiff in unsere Gewalt zu bringen. Ich hoffe, daß es klappt. Denn falls nicht, wäre der alternative Plan, dass wir wohl in die Sklaverei verkauft werden würden. Dann hieße es auf unser Glück und Besmeras Gunst vertrauen. Sei's drum, wir haben nur einen Versuch und dieser muss gelingen. Aber falls es wiederum ganz anders kommt, dann werde ich vorbereitet sein. Ich habe mir noch für teures Geld Schlafgas besorgt. Vielleicht können wir so im Fall der Fälle einen Vorteil erlangen. Aber nun will ich schließen, meine Sachen packen und mich mit den anderen Treffen. Ich bin schon sehr gespannt, wie Juri Hartmuut ausgestattet hat. Denn er soll die Herausforderung im Namen der Treibguthexen aussprechen. Ich hoffe Juri hat Recht, daß auch die Besatzung der „Atsea“ sich an den Kodex halten wird, sonst haben wir ein Problem. Sei's drum, dafür habe ich ja ein Vermögen für die Phiole mit dem Gas ausgegeben und neue Zauber trainiert.
-
Es ist unglaublich. Wir haben es tatsächlich geschafft. Das Schiff ist in unserer Hand. Wir haben uns an den Plan gehalten und es hat geklappt! So, wie unsere Aventurie angefangen hat, hat es nicht immer danach ausgesehen. Aber letztlich standen wir wohl unter dem Segen Besmeras, sonst würde ich jetzt nicht in mein Tagebuch schreiben, sondern angekettet mit einer Magiermaske unter Deck sitzen.
Zunächst sah es nicht danach aus, daß wir es einfach haben würden. Die Fahrt mit dem Ruderboot zur „Atsea“ gestaltete sich schwierig. Weder Harmuut, noch ich, haben bislang Erfahrung im Rudern gesammelt. Auch Juri hat offensichtlich ihre Fähigkeiten zur See überschätzt. Nachdem wir eine Mole gestreift hatten, übernahm dann James die Aufgabe uns zum Schiff zu bringen. Er stieg ins Wasser und zog uns in Richtung der „Atsea“. Dort enterten wir das Schiff und begaben uns in Verstecke. Unser Plan schien aufzugehen. Doch auch, wenn ich eine Illusion erschuf, damit wir nicht sogleich gefunden werden, wurden wir noch in Sichtweite von Port Grimm entdeckt. Jetzt hieß es handeln.
Hartmuut sprang aus seinem Versteck und gab mit gewaltiger Stimme und voller Überzeugung die von Juri ausgewählten Worte zum Besten: Bei den Treibguthexen ich fordere die Kapitäna zum Zweikampf auf das Amt nach dem Codex der Gesellschaft des Gezeitenarchipels – oder zumindest so ähnlich. Leider zeigte es nur bedingt Wirkung. Ein Pirat – wohl ein tilleanischer Pistoliero – zog seine Waffen und feuerte. Aber Hartmuut war gewandt und schlug die Pistolen zur Seite, so daß kein Schaden entstand. Auch Juri und James kamen aus den Verstecken, um sich dem Kampf zu stellen. Waren doch neben dem Pistolenmann noch einige Piraten, Gnolle und auch der orkische Maat an Deck. Da wir James davon überzeugt hatten, diesmal kein Blutbad anzurichten – jedenfalls nicht, wenn es nicht absolut unvermeidbar wäre – nahm er das ihm am nächsten stehende Besatzungsmitglied, hob es über seinen Kopf und schleuderte es auf den Tilleaner. Damit gingen dann Beide zu Boden.
Ich selbst nutze die Verwirrung, um mich mit Verschleiern zu tarnen. Im Tumult wäre es sicher nicht so notwendig gewesen, aber ich wollte nicht riskieren, sofort als Blinder Passagier enttarnt zu werden. So dringend wollte ich weder Zauber- noch Kampfkünste unter Beweis stellen. Vielmehr wollte ich die Kapitäna an Deck holen, damit das Duell stattfinden konnte. Damit bekam ich aber auch vom weiteren Verlauf des Kampfes zunächst nichts mit und muss mich bei der Wiedergabe darauf verlassen, daß meine Gefährten mir kein Seemannsgarn spinnen.
Nun nach der Erzählung war der Kampf heftig, aber zu keiner Zeit hätte die Gefahr bestanden, daß wir verlieren. Zwar gab es eine Übermacht, aber mit Zaubern und roher Gewalt war schnell die Oberhand gewonnen. James scheint dabei eine neue Möglichkeit entdeckt zu haben größere Mengen an Gegner zu erledigen, in dem er einen packt und auf andere wirft. Das hat wohl sowohl zwei Piraten zu den Haien, als auch den Maat von einem erhöhten Posten wieder auf das Deck geholt.
Aber – wie geschrieben – das weiß ich nur aus Erzählungen. Denn ich rannte derweil unter Deck und suchte die Kabine der Käpitäna. Was recht einfach war. Ebenso, sie davon zu überzeugen, daß sie an Deck gebraucht wurde. Sie war so sehr von meiner Aussage, daß sie gefordert worden ist, in Beschlag genommen, daß sie mich in ihrer Kajüte allein ließ. Was ich dazu nutzte schnell eine kurze Inspektion durchzuführen. Denn wußte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, wie einfach alles werden würde. Ich befürchtete, daß es keine kleine Chance gab, daß ich als Teil der Besatzung getarnt die anderen befreien müßte.
Daher wäre es gut noch einen Trumpf in der Hinterhand zu haben. Diesen fand ich dann in einer Truhe, welche mühelos mit meinen Dietrichen geöffnet werden konnte. Das Gold und Geschmeide ließ ich liegen – nun zum allergrößten Teil und schweren Herzens, aber es gab etliche Glasflaschen und Phiolen mit allerlei nützlichem Inhalt. So nenne ich jetzt einen Unsichtbarkeitstrank, zwei Verstrickungstränke und einen extrastarken Heiltrank mein eigen aber auch zwei schöne Armreife aus Gold mit Smaragden, die obenauf lagen. Grün passt schließlich hervorragend zu meinem Kopftuch – ich konnte einfach nicht widerstehen.
Derlei ausgestattet folgte ich der Kapitäna, die bereits auf Deck gestürmt war. Nicht aber ohne vorher ebenfalls die Quelle des übelriechenden, stechenden Gestanks zu erkunden: Trollhunde. Und ich dachte Hyänen wären die ausgefallensten Wachtiere. Aber diese waren zum Glück in ihren Käfigen und die Kapitäna war sich offensichtlich so sicher, daß sie sie dort auch beließ – welch ein Fehler. Wenn auch für uns ein außerordentlich glücklicher Fehler. Denn ist die einzige Hilfe gegen Trolle doch das Feuer. Etwas was sich nicht mit einem Schiff aus Holz verträgt, das hatte Juri mir in einem Tonfall erklärt, als ob ich eine trübe Tranlampe wäre. Nur weil ich eine Flasche Alchimistenfeuer mitnehmen wollte. Sei's drum, ich habe die Flasche trotzdem eingesteckt. Schließlich zeigen die Trollhunde ja, daß wir mit allem rechnen mussten. Und ist es nicht besser ein Schiff zu löschen – Wasser gibt es im Meer ja genug – als von einem Trollhund verspeist zu werden? Trotzdem sollte ich Juri mehr Aufmerksamkeit schenken, wenn sie mir etwas erklären will. Sicher meint sie es nur gut, weil sie in mir ein verstocktes kleines Kind sieht. Ganz davon abgesehen, daß ich, wenn ich meine Gedanken schweifen lassen – was schnell bei Juris Belehrungen passiert – wohl aussehe, als ob ich mit Anlauf vor eine Wand gerannt wäre. So hat zumindest Hartmuut es ausgedrückt. Ich bin gespannt, wie sie darauf reagiert, wenn ich endlich Mut und Zeit finde mein letztes Geheimnis zu enthüllen – vielleicht ist sie ja dann die „kleine“ Schwester.
Aber ich schweife ab. Denn kaum war die Kapitäna an Deck, sprach Hartmuut nochmals seine Herausforderung aus. Und glücklicherweise nahm die Mannschaft der Atsea diese Herausforderung ernst. Der Maat sprach dies mit seiner befehlsgewohnten Stimme aus: Die Waffen sollten ruhen, bis der Kampf entschieden ist. Also ließen die Piraten die Waffen sinken. Etwas, das Juri direkt ausnutzte und einem Piraten mit einem Tritt zwischen die Beine auf das Deck beförderte. Eigentlich wohl ein Bruch der Tradition, aber vielleicht auch nicht – kenne ich mich doch nicht mit dem Piratenkodex aus. Jedenfalls starren bald alle wie gebannt auf den Kampf zwischen Harmuut und der Kapitäna.
Und bei Besmera – das war ein Kampf. Die Kapitäna konnte mit ihren Entersäbeln wahrhaftig exzellent umgehen. Sie wirbelte die Klingen, daß es schien sie würden ein undurchdringlichen Schild aus Stahl bilden. Doch Hartmuut fand mit seiner Axt eine Lücke und so sah sich die Kapitäna plötzlich zurückgedrängt. Ein Teil der Mannschaft begann dann sogar zaghaft den Zwerg anzufeuern. Etwas, das die Kapitäna noch wütender machte. Doch in ihrer Wut machte sie Fehler. Sie schlug daneben, versenkte ihren Säbel in der Reling. Das entlockte einem der Gnolle ein heiseres Kichern, während der Pistolenmann – der sichtlich vom Kampf gezeichnet an der Reling lag – Hartmuut lauthals anfeuerte. Der lies sich nicht zweimal bitten und zerschlägt die Waffe der Kapitäna. Zusammen mit den Beschimpfungen und höhnischen Kommentaren von James und den Anfeuerungsrufen des jetzt Großteils der Mannschaft für Hartmuut war das zu viel für die Kapitäna. Sie bat um Parley. Wir hatten gewonnen!
Was dann kam, war ein großes Hallo der Mannschaft. Die Kapitäna wurde gefesselt und unter Deck geschafft. Der Maat fragte Kapitän Wurzel nach den Befehlen. Von allen wurde nach Rum gerufen. Und mit lauter Stimme befahl Hartmuut, nachdem Juri schnell an seine Seite geeilt war, Kurs auf Okeno zu setzten und allen einen ordentlichen Schluck Rum zu geben. Jetzt gilt es die notwendigen Informationen, wo wir die mysteriöse Zauberin oder zumindest ihre Gnolle finden können, aus der Kapitäna zu bekommen. Ich habe da schon einen Idee, wie wir es anstellen könnten. Ich bin gespannt, was die anderen dazu sagen werden.