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Montag, 27. Januar 2025

Mottes Tagebuch - Ratten im Turmgemäuer Teil 2

Nun gut, jetzt weiß ich, dass die Dattel-Nuss-Pralinen „Sterne des Südmeers“ von Avertins Feinste Delikatessen wirklich dafür sorgen Sterne zu sehen. Ich bin mir nicht sicher, was genau darin verarbeitet ist. Aber ich bin mitten in den Notizen eingeschlafen. Immerhin hab ich entspannte Träume gehabt. Leider kann ich mich nicht mehr erinnern. Sei’s drum. 

Gestärkt mit einem guten Frühstück und einem starken Tee von Hartmuuts Morgenmischung will ich jetzt den Rest unserer Aventurie im Turm aufschreiben. Denn viel Zeit bleibt mir nicht. Sir Eisenhardt meinte zwar ich könnte noch mehr Arbeit mit dem Bidenhänder vertragen, aber James hat mir zukommen lassen, ich wäre soweit. Ich könnte den Kreis betreten. Mein Weg als Barbarin würde beginnen. Ich bin so aufgeregt, ich kann kaum die Feder richtig führen. Aber offene Enden müssen verknüpft werden, also dann, weiter. 

Vor der Tür hinter der die Ratten verschwunden waren berieten wir uns nochmal. Denn eigentlich hätte ich gerne gezeigt, wie ich auf barbarische Weise die Höhle der Ratten stürmen würde. Die anderen meinten, das wäre aber vielleicht etwas zu offensiv, vielleicht müssten wir noch Informationen erlangen. Daher war schnell beschlossen, dass ich den Unsichtbarkeitsring nutzen würde. Das würde mir einen Vorteil geben – egal ob bei Kampf oder Flucht. 

Aber ich war bannig überrascht, als mich hinter der Tür nicht das dunkle Nest der Ratten erwartete, sondern eine aufgeräumte, saubere und helle Wohnung. Überall waren Kinder, Säuglinge lagen frisch gewickelt in ihren Krippen. Stockbetten, wie im Schlafsaal der Akademie, standen in Reih und Glied.
 
Ich schlich zu den Ratten. Der kleine Gibbus war gewachsen, die dürre Hilda nicht mehr so dürr und die Schmutzige Annie jetzt wohl die Saubere Annie. Nur Elefantenohr Osman, der hatte immer noch anderthalb abstehende Ohren. Die vier scheinen jetzt so etwas wie die Führungsriege zu sein. Es wurmte sie, dass sie mich nicht erwischt hatten. Nur wo war die Rattenmutter? Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.

Besonders überrascht mich, als dann eine resolute Frau mit beeindruckenden Muskeln samt einem riesigen Topf mit dampfenden Eintopf erschien - Annika Passerine. Die Frau zu welcher der Oger Kinder brachte, eine Amme. Ich befand mich in einem Waisenhaus, oder besser gesagt in einer Waisenwohnung.

Dann begann Annika das Essen zu verteilen. Es roch verführerisch. Zum Glück war ich nicht so abgelenkt, dass ich bemerkte, wie der Unsichtbarkeitszauber verflog. Ohne groß nachzudenken wirkte ich wieder einen Tarnungszauber und stellte mich in die Reihe für das Essen – nicht sehr barbarisch, aber ich hatte Hunger bekommen. Es war ein solider Eintopf mit reichlich Gemüse und Bohnen. Nicht raffiniert, aber äußerst nahrhaft und wirklich sehr lecker.

Wie ich meinen Teller leer aß, konnte ich mich noch etwas umschauen. Im Ganzen konnte ich kein einziges krankes Kind erkennen – abgesehen von der obligatorischen Rotznase. Erwischt die seltsame Krankheit vielleicht nur die Großen – ist es vielleicht gar keine normale Krankheit?

Noch ein wenig irritiert von der gesamten Situation konnte ich doch ein wenig ich mich grinsen. Als die Ratten von Annika ermahnt werden, dass sie doch wieder in den Wänden gewesen seien, versuchten sie sich mit Lügen herauszureden. In der Folge erhielten sie Ohrschellen mit der Ansage bei der nächsten Lüge die Rute kennen zu lernen. Es wunderte mich, aber sie nahmen es hin. 

Aber ich hatte meine Mission nicht vergessen, also bewegte ich mich unauffällig zur Tür und schlüpfte ungesehen nach draußen zu Zippy und Sir Eisenhardt. Wieder hatten wir eine kurze Diskussion, ob wir alle rein sollten. Ob wir vielleicht Zippy als neues Kind abgeben sollten. Doch letztlich (und auch weil es Zippy und mir recht egal war) setzt sich Sir Eisenhardt durch. Er wollte mit Annika verhandeln. 

Nur wollte Annika nicht. Die Gesichter der Kinder, die wir hinter der Wand gesehen hatten, reichten nicht als Aufhänger. Auch Kupfermünzen für Bonbons ändern nichts an ihrer Gesprächsbereitschaft, Selbst als Sir Eisenhardt Silber bot – und zwar nicht wenig – brachte es nichts. Annika wollte nicht mit uns reden. Sie war eindeutig. Die Stadtwachen sind doofe Eisenbeißer und die Gesellschaft ist keinen Deut besser.

Letztlich war Sir Eisenhardt dann doch überzeugt, dass weitere Verhandlungen nichts bringen würden. Zippy war schon ein wenig quengelig, wollte er doch seine Neugier befriedigen, denn von unten drangen Laute eines ausgewachsenen Tumults zu uns hinauf. Also ging es nach unten. Was kein leichtes Unterfangen war, denn Zippy nahm die Treppen absatzweise. Ich betete zu allen Göttern, Dämonen und Wesenheiten, dass Sir Eisenhardt nicht stolpern und dann als Eisenkugel mich von hinten überrollen würde. Denn wir konnten kaum Schritt halten.

Unten angekommen bot sich ein seltsamer Anblick. Es schien, dass sich mindestens die Hälfte der Turmbewohner in der Eingangshalle versammelt hätten. Und dann erst der Oger. Er ähnelte einem Nadelkissen, so gespickt mit Armbrustbolzen war er. Unter viel Gewese zog er sie einen nach dem anderen hinaus. Was für eine Memme, als ich auf Okeno die Kaktusstacheln aus meiner Haut zog habe ich jedenfalls nicht so gejammert. Nun gut um mich herum hüpften auch nicht Gossenzwerge, die jeden Bolzen schnell in ihren Taschen verschwinden ließen. 

Da ob der großen Menge nicht zu sehen war, warum sich der Mob versammelt hatte, sprach ich den nächststehenden Bewohner an. Erst vergriff ich mich im Ton, denn immer noch beeindruckt von der sauberen Waisenhaus-Wohnung sprach ich mit meinem Imperiums-Akzent – und offensichtlich etwas zu hoch gestochen. Aber als ich den Typen am Schlafittchen packte und etwas schüttelte purzelten die Informationen direkt aus ihm heraus. Typen in Weiß und welche mit Armbrüsten hätten den Turm abgeriegelt. 

Ein Blick nach draußen zeigte uns Pfähle mit Tüchern, Abgeordnete der Weißen Hand und gedungene Söldner. Das hatten Sir Eisenhardt und ich schon gesehen: ein „Cordon Sanitaire“ gegen Seuchen. Normalerweise würde dieser einige Zeit Aufrechterhalten, bis eine Heilung nachweisbar ist oder der Befehl zum Niederbrennen des Gebäudes kommt.

Sofort entbrach bei uns die Frage, warum hatte die Weiße Hand diese Maßnahme ergriffen. Wir wurden von der Weißen Hand geschickt, um zu klären ob Joachim im Haus ist, das hätte sie wissen müssen. Gilt diese Maßnahme, um uns in dem Turm zu halten, ich war mir fast sicher. Doch Zippy brachte ein, dass sie vielleicht nur den Paladin loswerden wollten. Einzig Sir Eisenhardt konnte keiner unserer Ausführungen glauben. Für ihn musste es ein Versehen sein.

So oder so – Die Frage war, wie wir mit der Situation umgehen sollten. Den Truthahn, der noch immer vor der Tür wartete, auf die Söldner hetzen? Nun das wäre sicher ein Ereignis gewesen, aber sinnvoller erschien uns, den Paladin zu finden. Doch dazu müsste erst die Menge unter Kontrolle zu bringen. Leider konnte ich weder mit Argumenten, noch mit gezielten Beleidigungen konnte ich die Aufmerksamkeit des Mobs erreichen. Mittlerweile war die Menge so aufgeheizt, dass es schon zu ersten Handgreiflichkeiten kam.

Erst Sir Eisenhardt gelingt es mit Unterstützung von Zippy die Menge zu koordinieren. Auch wenn er es schaffte, dass sich der Mob beruhigte, wäre es sicher schneller gegangen, wenn er ein größeres Fass genommen hätte. So gab es immer wieder Zwischenrufe, wer denn da reden würde. Aber zum Glück reichte Sir Eisenhardts Schlachtfeld gestählte Stimme auch bis in den letzten Winkel.
 
Nun, da die Situation geklärt war, begannen wir uns nach dem Verbleib des Paladins zu erkunden. Tatsächlich war es uns möglich zu erfahren, dass der Paladin zu einer Frau Doktor Gillady von der Weißen Hand wollte. Besagte Gillady war in den Turm gekommen. um die Krankheit zu erforschen. Sie sollte bei den Sprechers untergekommen sein. 

Von einigen Gossenzwergen konnten wir dann noch erfahren, wo der Paladin sein könnte: Im Labyrinth. Aber dort bräuchten wir nicht nachsehen, weil dort verschwinden die Leute wirklich. Das nährte meine Vermutung, dass unter Port Grimm Zugänge zu anderen Orten wären. Begierig versuchte ich mehr von den Gossenzwergen zu erfahren. Aber Sir Eisenhardt wollte schnell vorgehen. Daher versuchte er einen Handel mit den  Gossenzwergen. Es kostete ihn dann zehn Goldmünzen, nur um von den Gossenzwergen ein Hinweis auf die Treppen mit dem Weg nach unten zu erhalten. Darauf wären wir sogar selbst gekommen, aber sei’s drum.

Wir stiegen also in den Keller des Turms hinab.Unaufgeräumt wäre noch ein euphemistischer Ausdruck. Der Abstieg durch den engen mit schleimigen Algen bewachsenen Gang führte in ein schummrigen Irrgarten aus halbverotteten Müll und verwesenden Abfall. Es erinnerte mich mit den vielen Kammern an die fünf Mägen einer Kuh, nur dass es bestialisch roch.

In diesem dunklen Ort der Vorhölle mussten wir also unsere Such beginnen. Ich war wenig begeistert, aber Zippy stürzte sich voller Neugier in die chaotische Düsternis. Zippy und Sir Eisenhardt hatten nicht nur den Vorteil, in der Dunkelheit zumindest etwas sehen zu können, sondern aufgrund ihrer Größe konnten sie auch einfacher zwischen dem ganzen Gerümpel einen Weg finden. Ich dagegen musste im Schein der Laterne immer wieder neue Wege suchen. Dafür konnte ich im Schlamm (oh ich hoffe es war Schlamm) Spuren von eisenbeschlagenem Schuhen finden.

Zippy dagegen meinte eine Gestalt zu sehen, die lebende Ratten frisst. Ich fluchte, denn nicht nur gab meine Laterne kaum Licht, sie taugt auch nicht als Waffe. Dann auch noch enge Stellen, die ich umgehen musste. Denn ich wollte nicht riskieren, mir einen Weg mit der Axt durch die wahnwitzigen Stapel von zerbrochenen Möbeln, Körben, Stangen, Unrat und was weiß ich zu bahnen. Das Ergebnis wäre sicher gewesen, dass ich von einer Lawine begraben in das Brackwasser gedrückt werden würde. Kein würdiger Tod - also zu vermeiden.

Zippy und Sir Eisenhardt hatten dieses Problem nicht. Sie setzten dem Schemen einfach nach. Aber dann, als ich einen etwas größeren Durchgang gefunden hatte, erwartete mich ein Überraschung. Der Paladin hockte keine Armlänge entfernt. Totenbleich und mit einer frischen Bisswunde am Hals. Als er mich sah stand er langsam auf, krächzte aufgrund seines zugeschwollenen Hals und machte seinem Zustand spottend einige schnelle Schritte auf mich zu. Er fiel mir förmlich in die Arme, wobei ich ihn reflexartig auffing, weshalb ich meine Laterne fallen ließ, die prompt kaputt ging.

Und dann war da plötzlich etwas hinter mir. Ich war unaufmerksam. Ein Schlag traf mich und ich ging zu Boden. Im Fallen bemerkte ich wie etwas meine Haut aufriss. Sicher würde das bei all dem Dreck hier zu einer interessanten Infektion führen. Ich reagierte, wie mir James beigebracht hatte. Naja vielleicht schlug ich auch in Panik um mich. Sei’s drum - ich konnte mich jedenfalls aus der Umklammerung des Paladins lösen.

Prompt war auch Sir Eisenhardt zur Hilfe gekommen. Doch irgendetwas ist mit der Gestalt, denn Sir Eisenhardt schreckte todesbleich zurück. Die Gestalt fängt an zu kreischen. Dann ist es uns allen klar – es ist ein Vampir. Zippy versuchte es mit seinen Verbündeten aus der Anderswelt. Aber es scheint, die Feen selbst fürchten sich vor dem Wesen. Sie erschienen nicht.

Und auch der Paladin greift wieder an. Er wurde offensichtlich von dem Vampir kontrolliert und sollte seine Flucht decken. Aber nicht mit Sir Eisenhardt, der sich schnell sammeln konnte. Mutig stellt er sich dem Wesen entgegen, kann aber keine Wunde schlagen. Da unsere Waffen wirkungslos scheinen, gehe ich ins Handgemenge über. Mir gelang es die Gestalt festzuhalten, doch durch den Einsatz ihrer Krallen und der übermenschlichen Kraft, gelingt es dem Vampir sich loszureißen. Wieder übernehmen meine Reflexe – doch leider nicht die mühsam trainierten Kampftechniken. Ich zaubere. Doch auch mein Betäubungszauber perlt an dem Wesen ab.

Aber es war unvorsichtig. Sir Eisenhardt hatte die Gelegenheit genutzt, sich einen abgebrochenes Stuhlbein geschnappt. Dieses trieb er nun dem Vampir in die Brust. Ein schriller Schrei und die Existenz des untoten Wesens hatte ein Ende. Was zur Folge hatte, dass auch der Paladin von dem Bann befreit wurde. Geschwächt von dem Blutverlust brach er zusammen, wie eine Marionette, der die Fäden gekappt wurden.

Nun konnten wir uns daran machen ihm zu helfen. Dank eines Restes Heiltrank konnte er sich soweit erholen, dass er reden konnte. Er sprach davon, dass die Doktorin Aufzeichnungen hätte, welche zeigen würden, dass der Vampir die Blutfäule übertragen würde. Es war somit keine Epidemie. Die infizierten Menschen können wieder geheilt werden. Das war natürlich ein Hallo! Uns war klar, wir müssen schnell die Situation aufklären. Dr. Gillady könnte sicher die Weiße Hand davon überzeugen, den Cordon sanitaire aufzuheben. So zumindest unsere Hoffnung. Denn seien wir ehrlich, ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass die Weiße Hand nicht wußte, dass Gillady hier nach der Ursache forschte.
 
Aber zu diesem Zeitpunkt galt es die Doktorin zu finden. Zum Glück war das weniger aufwändig. Vor allem mussten wir nicht durch Unrat kriechen. Ich hatte das dringende Bedürfnis mich zu waschen. Denn auf unserem Weg schien es so, dass die Bewohner über uns, vielmehr unseren Geruch, die Nase rümpften. Tatsächlich konnten wir dann mit vereinten Kräften von Harlander und der Doktorin die Weiße Hand davon zu überzeugen die Quarantäne aufzuheben.

Wo ich diese Zeilen niederschreibe überkommt mich wieder das seltsame Gefühl, dass die Aktion der Weißen Hand kein Zufall war. Sollte so die Konkurrenz der Kirche der Churun zu schaden in dem der Paladin beseitigt wird? Und wie steht es mit uns? Sollte die Gesellschaft mit hinein gezogen werden? Waren wir nützliche Idioten oder so etwas wie eine Rückversicherung? Wer verarscht hier wen? Sicher ist, ich werde Pokarius von Alttor im Auge behalten. Schließlich hat er uns zu dieser Mission geschickt. War diese ganze Joachim-Geschichte erfunden? Vielleicht sollte ich mal seinem Zimmer einen Besuch abstatten. 

Aber vorher habe ich noch etwas anders zu klären. Denn was mich besonders verwirrt, sind die Ratten. Dass sie sich in Annikas Obhut begeben haben, kann nur bedeuten, dass die Rattenmutter verschwunden ist. Ich kann mir kaum vorstellen, das die Ratten einfach das Nest verlassen haben. Aber was kann ihr nur passiert sein? Ich muss mir hier Gewissheit verschaffen. Wie soll ich sonst meine Erinnerungslücken füllen. 

Aber genug jetzt mit diesen Grübeleien. Ich werde mich jetzt darauf vorbereiten in einen neuen Abschnitt meines Lebens zu treten. Vor allem da ich gerade heute morgen in meinem Buch über die Geschichte der Völker des Nordens einen Abschnitt gefunden, der mich inspiriert hat. Hatte einer der Stämme doch eine Art von Kampfhexen, die nicht nur gute Kämpferinnen, sondern auch magisch begabt waren. Und ein anderer Stamm war dafür bekannt List und Heimlichkeit zu fördern, also eine Art Barbarendiebe. Vielleicht muss ich mir also gar nicht so viele Gedanken machen, welchen Weg ich einschlage - Hauptsache ich kann schlagen. Und zwar als erstes Beckers Kopf vom Hals. 

Genug zu tun also für die nächste Zeit – aber eine große Persönlichkeit verlangt nach großen Plänen!