Port Grim ist schon fast in Sicht. Zum ersten mal seit einer Woche zittern meine Arme nicht so stark, dass ich endlich etwas schreiben kann, bevor ich erschöpft in meine Hängematte falle. Aus welcher ich dann am nächsten Tag kaum heraus komme, weil meine Muskeln nur aus Schmerz bestehen. Ganz davon abgesehen, dass ich vor lauter Aufgaben, die mir James stellt, bisher sowie nicht zum Schreiben gekommen bin.
Nach dem ersten Tag dachte ich noch, James will mich testen, ob ich es ernst meine mit meinem Wunsch sein Lehrling zu sein. Am dritten Tag habe ich mich gefragt, ob ich die Botschaft der Eisprinzessin richtig gedeutet habe. Das war der Tag an dem ich mich nur unter Tränen und auf allen Vieren an Deck quälen konnte. Aber James meinte das dünne Menschlein muss stark werden. Und weil die gesamte Besatzung – allen voran Juri – feixend verfolgt hat, wie ich bei James um eine Pause gebettelt habe, schluckte ich meine Tränen herunter und habe mit dem Training weiter gemacht.
Am Abend haben meine Hände geblutet von dem Seil mit dem ich auf verschiedene Arten Gewichte in die Höhe ziehen musste. Ich habe es dann auch nicht mehr in meine Hängematte geschafft. Auf dem Boden liegend, bitterlich weinend, bin ich eingeschlafen. Was so schnell war, dass die anderen wohl nicht mehr als ein Schluchzen von mir gehört haben. Ich dachte nicht, dass ich mich nach den Demütigungen durch IHN nochmals so zerschlagen und hoffnungslos fühlen knnte. Aber am nächsten Tag habe ich es wieder auf Deck geschafft, meine Hände mit Lumpen umwickelt und weiter die Übungen vollzogen.
Doch das war noch nicht das Schlimmste. James meinte, roher Fisch wäre gut für mich und würde meine Arme anschwellen lassen. Aber leider hat James wohl kein Händchen für Fisch. Denn jedes Mal war der Fisch verdorben. Ich habe erst noch versucht, das faulige Fleisch herunter zu bekommen, denn wer bin ich, dass ich meinem Lehrmeister widerspreche. Den halben Tag lang hing ich über der Reling, bis ich nichts mehr im Magen hatte. Sei’s drum – ich musste an dem Tag wenigstens nicht weiter Fässer über das Deck rollen. Und auch die nächsten drei Tage habe ich nur einen halben Tag trainieren müssen. Dann erst hatte James ein Einsehen und ließ mich wieder vom Eintopf der Besatzung essen.
Trotzdem bin ich jetzt schon wieder so dünn, wie an dem Tag an dem ich in Port Grimm angekommen bin. Nur dass ich diesmal viel muskulöser bin. Ganz davon abgesehen, dass ich jetzt Lehrling eines Kriegers bin, Eirlys von der Eisprinzessin genannt werde und mich auf den Weg gemacht habe, mich von SEINEN Fesseln zu befreien.
Auch fühle ich mich gesund, wie seit langem nicht. Seit Tagen habe ich keinen Rum mehr getrunken. Nicht, dass ich es nicht wollte, ich konnte einfach nicht. Mir fehlte die Kraft, welchen zu organisieren. Sei’s drum – Port Grimm ist in Sicht – endlich werde ich wieder Baden können – das Wasser wird schwarz sein, hatte ich doch die ganz Überfahrt nicht einmal Gelegenheit mich zu waschen. Und ich kann mir neue Leibwäsche kaufen. Die Weste reibt doch recht unangenehm, seit ich weder Hemd noch Brustband trage.
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Ich bin total aufgeregt. Die letzten Tage sind so viele Ereignisse geschehen. Die großartige Theateraufführung mit der Glocke von dem Schiff der Hanse. Das soll diese Peffersäcke Mores lehren. Schließlich stolzieren diese Arschfurunkel wie Gernegroß durch die Stadt und meinen „für Ruhe und Ordnung“ zu sorgen. Verantwortlich für die neue Linie ist ein gewisser Marshall Grissenwald. Ich habe den Namen noch nie gehört, aber er wird wohl wieder ein weiteres Arschloch sein, mit dem die Hanse ihre Macht vergrößern will. Da hat ihnen der Dämpfer mal gezeigt, wo der Hammer hängt.
Und dann die Veränderung in der Stadt selbst. Es gibt jetzt ein ganzes neues Stadtviertel, wie aufregend. Leider habe ich bisher vom Gürtel nur wenig davon erkunden können. Hat mich doch das weitere Krafttraining auf Trab gehalten. Und morgen soll es einen neuen Schritt in meiner Ausbildung geben. Ich bin Gespannt.
James ist, trotz all meiner Bemühungen ein guter Lehrling zu sein, ein wenig frustriert. Denn offensichtlich scheine ich ihm nicht kräftig genug zu werden. Aber es liegt nicht an mir. Ich stemme Gewichte, klettere, laufe und mache sonst alles. Nur seine Diät bekommt mir einfach nicht. Egal ob rohes Fisch oder Fleisch, alles was er mir gibt ist verdorben. Ich habe mir erst noch Mühe gegeben, es zu essen. Aber kann es nicht an mir halten. Mein Kehle war schon ganz wund. Jetzt nutze ich doch wieder mein magisches Talent. Statt zu essen zaubere ich eine Illusion und setze auf meine eigene Diät: viel Bohnen, gekochtes Herz oder gebratenes Huhn mit Reis, rohe Leber mit gegrilltem Kiefernapfel und einmal in der Woche Bergaustern mit Sellerie. Alles, was ein echter Mann braucht, wie es in dem Kochbuch „Ein Mannsbild bei Kräften halten“ heißt.
Denn ich bin auch bei meiner theoretischen Bildung nicht untätig geblieben. So habe ich mir neben dem Kochbuch auch ein Lehrbuch erstanden: „Die Rache der Roten Rikke“. Worin die Geschichte einer Barbarin erzählt wird, wie sie sich nach schlimmem Verrat an ihr, Rache an ihren Feinden nimmt, um schließlich Häuptling ihres Stammes zu werden. Ich habe das Buch verschlungen, wollte ich doch erfahren, wie das Leben einer Barbarin ist. Wobei ich schon verwundert war, dass die Rote Rikke genauso häufig auf ihrem Bettlager Ringkämpfe ausführt, wie sie im Kampfe ihre Feinde erschlägt. Seis drum - ich habe mir einige Anregungen geholt. So habe ich mich inspirieren lassen, Arme und Körper mit Henna Farbe zu verleihen. Viel haltbarer als Blut, was Rikke genommen hat. Ganz davon abgesehen, dass auch Schmeißfliegen davon weniger angezogen werden.
Ich bin dann in den Salon gegangen, um mein Werk im großen Spiel zu betrachten. Aber als ich dort ankam, war ich in Schweiß gebadet und atmete schwer. Der Gang durch das Haus mit von Kleidung freiem Oberkörper, nur bemalt, hat mich zurückgeführt zum Kampf auf dem Schiff zu dem ER mich gezwungen hat. Auch da musste ich nur mit einer Hose bekleidet kämpfen. Diese Demütigung hat mich wohl stärker getroffen, als ich gedacht habe.
Sei’s drum! Ich wollte trotz meiner Offenbarung ja jetzt weder in Kleid und mit Mieder herumlaufen und halbnackt schon gar nicht. Ich habe Gefallen daran gewonnen, als Junge gesehen zu werden. Daher bleibe ich bei Brustband und Weste. So kommen meine Bemalungen auch zur Geltung und ich fange nicht plötzlich unkontrolliert an zu zittern, wenn mich ein Windhauch streift.
Zu meinem Glück konnte ich ganz unbeobachtet wieder zu meinem Zimmer zurück. Wer weiß welche Reaktionen mein Auftreten hervorgerufen hätte. Wobei vermutlich wohl wenig mehr. als eine erhobene Augenbraue zu erwarten gewesen wäre, wenn ich überlege, wie meine Enthüllung auf der Atsea aufgenommen wurde.
Ich muss zugeben, etwas mehr Aufmerksamkeit hätte ich schon erwartet. Außer bei James natürlich. Von ihm hatte ich wenig mehr erwartet, als dass er mein Gesuch annimmt. Von einer Echse kann ich ja nur eine kaltblütige Antwort erwarten. Korva kenne ich noch nicht lange, um sie einzuschätzen. Ich habe sie als sehr zurückhaltend erlebt, so dass ihre gleichmütige Reaktion mich nicht überraschte.
Aber bei Juri hätte ich mehr als die übliche arrogante Art erwartet. Es scheint mir, sie weiß mehr über mich, als ich ihr offenbart habe. Sie ist eine aufmerksame Beobachterin – und neugierig. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass sie meine Sachen durchsuchen kann, ohne dass ich er bemerken würde. Vielleicht ist es, weil wir uns ein Band mit Tante Baunz teilen? Kann das sein, wo ich doch nichts von ihren Erinnerungen und Gedanken wahrnehme. Vielleicht mag es daran liegen, dass Juri zuerst ein Band geknüpft hat? Ich werde es nachschlagen, sobald ich etwas mehr Zeit habe. Sicher ist es gut, wenn ich weiß, wie das Band funktioniert und vor allem wie es gelöst werden kann. Ich hoffe nur, dass meine Erinnerungslücken keine dunklen Geheimnisse sind, die Juri mir über Baunz gestohlen hat.
Der einzige meiner Gefährten, welchen meine Bitte um Ausbildung berührte, war Hartmuut. Aber auf eine Weise, die ich nicht vermutet hätte. Der sonst so starke und souveräne Zwerg war tief enttäuscht. Das konnte ich erst hören, denn er ließ, kaum als ich mich hinkniete, vor Überraschung seine Teetasse fallen. Als ich, nachdem James mich als Lehrling akzeptierte, dann aufsah, konnte ich es auch in seinem Gesicht sehen. Noch jetzt rührt mich die Erinnerung. Ich spüre, ich muss mich ihm erklären, schließlich ist er immer gut zu mir gewesen, hat mich unterstützt. Immer wenn ich...
[unleserlicher Abschnitt]
Verdammt! Jetzt muss ich die letzten Zeilen nochmals schreiben. Wie so oft konnte ich meine Tränen bei den Gedanken an den Gesichtsausdruck von Hartmuut nicht zurückhalten. Es scheint mir fast, ich könnte vielleicht doch nicht geeignet sein, ein Werkzeug des Roten Tods zu werden. Zumindest habe ich bei der Geschichte der Roten Rikke nie gelesen, dass sie in Tränen ausbricht. Kann ich mich vielleicht doch nie von Ineys lösen? Bin ich immer noch das verführbare kleine Mädchen [unleserlich] dass es keine Auszeichnung, ist mit der Hanse ins Südmeer zu fahren? [unleserlich] nur ein Werkzeug von IHM war?
[unleserlicher Abschnitt]
Ich werde nicht darum herum kommen, mich Hartmuut zu erklären. Denn meine Vision war deutlich. Die Eisprinzessin ist mit dem Grünen Mann gekommen und nicht mit dem Jäger. Wenn statt des Frühlingsboten der Wanderer, der die Sonne aus dem Sommer in den Winter begleitet; der Großvater, der die Zeit der Gemütlichkeit mit Tee und Geschichten einläutet; der Todbringer, der die Wilde Jagd weckt, erschienen wäre. Dann hätte ich Hartmuut gewählt. Aber ich kann die Zeichen der Eisprinzessin nicht ignorieren. Sie hat mir ihr Siegel in die Brust gebrannt. Sie kennt mich als Eirlys. Ich bin ihr Werkzeug, sie führt mich zu meiner Rache. Das kann ich nicht leichtfertig abtun. Das alles muss ich Hartmuut bei Gelegenheit darlegen. Dann kann ich nur hoffen, dass er mir die Verletzung verzeihen kann.
Und dann ist da noch etwas, das mir wirklich angst macht. Es gibt Stellen in meinem Leben, die vergessen sind und die ich auch nicht in meinen Albträumen erreiche. Denn ich habe erkannt, ich kann in die Albträume beeinflussen, ich kann sie lenken. Ich konnte so Visionen der Gegenwart und Zukunft erfahren. Auch zu vergangenen Erlebnissen kann ich mittlerweile zurückgehen, auch wenn sie sich immer wieder als verzerrte Albträumen manifestieren.
Nur bei zwei Phasen in meinem Leben fehlt mir die Erinnerung. In der Wachen, wie in der Albtraumwelt, bleibt mir der Zugang verwehrt. Es ist eine Zeit auf der Bunten Kuh. Die Zeit, als wir die Südsee erreichten und dann der Kampf in dem ich den Sklaven auf so brutale Weise getötet habe. Und dann auch die Zeit nach dem Kampf bis zu meiner Flucht. Erst an die Zeit als ich als Schiffsjunge auf dem Fischerboot arbeite, kann ich mich wieder klar erinnern.
Dies aber auch nur, bis ich in Port Grimm ankomme und mich den Ratten anschließe. Zwar kann ich mich an das Meiste erinnern oder konnte es in der Albtraumwelt wieder finden. Aber die Zeit zwischen der Aufnahme in den Zirkel, das mit dem Blutopfer begann, und meiner Flucht war bisher keine Erinnerung zu finden. Diese beginnt wieder, als ich durchnäßt unter einem Karre sitze und mir Tante Baunz in die Arme läuft. Ich habe alles versucht, immer wenn ich meinte ich würde die Erinnerung wiedererlangen, wenn ich sie schon fühlen konnte, bin ich doch wieder nur schweißgebadet aufgewacht.
Ich hoffe, dass ich bald eine Lösung dafür finden kann. Habe ich doch das Gefühl es passiert schon wieder. Kleine Erinnerungslücken schleichen sich ein. Letztens, als mein Lesezeichen verrutschte, habe ich einen Kapitel zweimal gelesen. Erst als ich eine Notiz am Rand fand, musste ich mir eingestehen, dass die Worte nicht neu waren, obwohl es so schien. Einmal bin ich drüber hinaus am Morgen mit dreckverschmierten Händen aufgewacht. Ich konnte mir aber das nicht erklären, wann ich das Bett verlassen geschweige denn, wo ich gegraben hätte.
Ich hoffe sehr, dass es nicht an Port Grimm liegt, dass mich etwas aussaugt. Gibt es Gedanken-Vampiere? Ich werde mit Brodert Quink darüber reden. Vielleicht weiß der Gelehrte etwas darüber. Aber hoffe ich diesmal nicht nur eine kryptische Antwort zu bekommen.
Sicher ist, es gibt eine neue Sekte in der Stadt, den Orden der Mutter. Es scheint, dass er sich vor allem bei den neuen Mutanten großer Beliebtheit erfreut. Bislang habe ich mich gescheut, mehr darüber in Erfahrung zu bringen. Ruft der Kult doch die Angst hervor eine Bekannte zu treffen. Es würde mich nicht wundern, wenn die Rattenmutter Führerin der Sekte ist. Ich spüre, ich wäre noch nicht bereit mich ihr zu stellen. Besonders nicht, wenn sie jetzt zur Kultmutter geworden ist. Ich weiß nicht, ob ich ihrem süßen Wesen nicht wieder verfallen würde. Ich muss erst meine fehlenden Erinnerungen finden.
Ein weitere Punkt auf meiner Liste. IHN töten, Hartmuut wieder zum Freund gewinnen, Barbarin werden, meine Erinnerungen wieder finden und das sind nur die wichtigsten Sachen. Es ist noch viel zu tun.