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Sonntag, 3. August 2025

In the temple of ... 3.2.

 Komm mit mir ins Albtraumland

Der Übergang in die Traumwelt ist abrupt. Es ist nicht das sanfte Gleiten in den Traum. Motte schließt die Augen und befindet sich in der Albtraumwelt. Um sie herum herrscht Chaos und Aufregung. Einen kurzer Moment der Desorientierung, dann kann Motte erkennen, wo der Traum beginnt. 

Die Hanse überfällt das Dorf der T’Skrang. Überall herrscht Geschrei. Motte kann nicht erkennen, was die Schergen bezwecken wollen – Sklaven nehmen oder ein Exempel statuieren. Schwaden von Rauch und Schießpulver behindern die Sicht. Der scharfe Geruch des Schwarzpulvers verpestet die Lust, macht das Atmen schwer. Die Hanse-Schergen schießen und schlagen, wie besinnungslos um sich. Zerstören Häuser, legen Feuer. Sie schonen keinen - Kinder oder Alte werden niedergeschlagen oder gleich in Stücke gehackt. Langsam dringt der metallische Geruch von Blut in Mottes Nase. Die T’Skrang wehren sich so gut sie können, mit allem was sie haben. Werkzeuge, sogar Eimer und Säcke, werden zu Waffen. Aber es ist deutlich zu sehen, gegen die Überzahl an Schwertern und Musketen ist es ein sinnloses Unterfangen.

Mitten in dem Chaos aus Schreien, lodernden Flamen und krachenden Schüssen steht Achtmesser. Er ist weniger bemüht den Angriff zu koordinieren, vielmehr stachelt er die Söldner zu Untaten an, fuchtelt mit seinen Waffen, tötet im Vorbeigehen, lacht. Besondere Freude scheint es ihm zu bereiten, T’Skrang mit seinem Metallarm zu töten. Motte meint, das Knacken von brechenden Knochen auch aus der Entfernung hören zu können.

Motte spürt die Rote Wut in sich kochen. Diesem Abschaum der Menschheit muss nicht einfach Einhalt geboten werden. Dieser menschliche Unrat muss vom Antlitz der Welt getilgt werden. Ihre sündhaften Taten werden in Blut vergolten. Ihr Buße kann nur der Tod sein. Motte hört sich selbst eine animalische Herausforderung schreien, während die Winde der Magie durch ihren Körper strömen. Das Gefühl der Macht läßt einen wohligen Schauer durch ihre Glieder fahren, im Bauch breitet sich ein angenehmes, warmes Gefühl aus, ihr ganzer Körper scheint von Gänsehaut bedeckt zu sein. In den Händen erscheinen zwei gigantische Äxte mit zwergischen Runen der Macht, golden verziert. Motte spürt jeden Muskel stahlhart unter der Haut. Größer, stärker, bereit aus dem Körper eine tödliche Waffe zu machen. Sicher leuchte ich von innen heraus oder bin von einem leichten Wind umweht, der mich zur Göttin des Gemetzel macht, sind ihre Gedanken, als sie mit den T’Skrang an ihrer Seite zum Dorf stürmt.

Während Motte die verdorbenen Winde der Albträume formt, konnte sie am Rande ihres Bewußtseins gerade eben noch wahrnehmen, wie James den T’Skrang mit lauter Stimme Befehle zubrüllt. Aus dem Haufen von den Ereignissen eingenommener Echsen Schlachtreihen formt. Die Echsengötter und Helden der Vergangenheit beschwor und den Zorn der Donnerechsen in die Herzen der Krieger pflanzt.

Mit dem Gefühl verheerender als eine Lawine oder Sturmflut zu sein, stürmen die T’Skrang und Motte angeführt von James der Hanse entgegen. Kazuug wirft seine Waffen von sich, ihn beginnt die Rote Wut zu lenken. Seine Krallen werden länger, die Hähne spitzer. Er selbst scheint größer und sein Panzer färbt sich von innen heraus leuchtend Rot. Mit Donnerhall prallt die Woge auf die Schergen. Während die Echsen beginnen mit Steinäxten und Speeren die Reihen der Söldner zu lichten, zerreißt Kazuug mit bloßen Händen Leiber, beißt sich durch Eingeweide. Bald ist er in Blut gebadet. Auch Motte pflügt sich mit den Äxten durch die Gegner. Fällt links und rechts, was sich ihr in den Weg stellt. Das Ziel ist klar – Achtmesser töten, zerstückeln, den Fischen zum Fraß vorwerfen, Labskaus für die Trollhunde aus ihm machen. Weder Kazuug noch Motte hören in ihrem Wahn die Befehle von James, der die Schlachtreihe der T’Skrang koordiniert. Angriffe auf Schwachpunkte befiehlt, Schildwälle zur Verteidigung sammelt, das Chaos der Schlacht überblickt und die Verluste gering hält.

In der Anlage der Runenherrscherin sitzt derweil Hartmuut mit dem Hammer bereit. Sein Blick gleitet immer wieder über die Körper, die in der mutagenen Flüssigkeit lagen. Er mustert die Umgebung. Jederzeit könnten die Phasenspinnen erscheinen, angezogen von der Magie. Selbst er hat die Winde der Magie gespürt, als sie wie Schauer über seinen Rücken strichen. Er schaut auf Motte, schüttelt den Kopf. Was hatte sich der Junge nur gedacht. Er hätte jetzt gut Unterstützung gebraucht, aber nein diese Gier Wissen zu erlangen würde ihn noch umbringen. Gerade als er den Kopf abwendet, nimmt er ein Flimmern war. Im Selben Augenblick ist Hartmuut auf den Füßen und läßt seinen Hammer kreisen. Die Phasenspinnen sind gekommen.

Motte nähert sich Achtmesser. Immer wieder werfen seine Fußtruppen sich in den Weg. Mittlerweile ist auch Motte so von Blut und anderen, widerlichen Flüssigkeiten bedeckt, dass sie dem Avatar der Rache zur Vorlage gedient hätte. Nur noch fünf Schritte, dann könnte sich ein Teil der Rache erfüllen. Mit jedem Schritt näher verdunkelt sich der Himmel, als ob ein Unwetter aufziehen würde. Achtmesser wird langsam von den Schatten verschluckt. Die Sicht ist unscharf. Motte schüttelt den Kopf, hofft den Blick wieder zu klären. Aber mit dem nächsten Blinzeln, ist plötzlich Nacht. 

Motte reißt die Augen auf. Die Dunkelheit ist total. Ein Gefühl der Desorientierung, kein oben und unten. Galle steig Motte in die Kehle. Aber sie steht auf festem Boden, in einem Gang. Motte ist allein, ohne Waffen, nur in einem dünnen Schlafgewand. Da ist etwas in der Dunkelheit. Kalter Schweiß läuft ihr den Rücken hinunter. Ineys zittert, presste die Hände vor die Augen, schluchzt in ihrer Einsamkeit. 

Motte schüttelt den Kopf, versucht die Vision zu vertreiben. Ein Kampf muss geschlagen werden. Das Wetter hat sich geklärt. Klarere Sicht ist wieder gekommen. Aber immer noch dräut ein Gewitter lila-schwarz am Himmel. Die Schwergen haben sich zum Hafen zurückgezogen. Zwischen der Rache liegen nur die Gassen von Port Grimm. 

James hat die Truppen gesammelt, brüllt Befehle. Die T’Skrang bilden einen Kreis um Mutter Bogwin. Motte drängt sich nach vorne, um besser sehen zu können. Ein Ritual – James und Kazuug erhalten Segen von der alten Schamanin. Während James einen Stab oder eine Keule erhält, wird Kazuug offensichtlich erwählt. Er wirft den Kopf zurück, brüllt und wächst. Motte hat das schon einmal bei James gesehen. Kazuug wird zum Avatar der Donnerechse. Kaum ist die Verwandlung abgeschlossen, stapft er los. Einige T’Skrang folgen ihm begeistert. James hat Mühe den Rest mit Rufen und wohl gezielten Schlägen dazu zu bringen seinen Befehlen zu gehorchen. Aber es gelingt ihm den Großteil unter seinem Befehl zu halten. Auf Schleichwegen geht es in die Stadt.

Motte ist unentschlossen. Zusammen mit James und den T’Skrang Kämpfe vermeiden, damit sie mit einer möglichst großen Streitmacht die Hanse angreifen können? Oder doch lieber vorstürmen, damit die Rache erfüllt werden kann? Eine Entscheidung die beim ersten Scharmützel weggeblasen ist. Motte greift nach den verpesten Winden der Magie, schöpft aus der Kraft der Alpträume. Ein Cape aus den Skalps der zuletzt erschlagenen manifestiert sich um ihren Schultern. Die Runen der Äxte beginnen in einem fahlen Licht zu glühen. Mehr zu sich selbst fallen die Worte, dies wird die letzte Schlacht. Ich werde IHN in Stücke hacken und seinen Kopf einsalzen. 

Dann stürmt Motte mit den T’Skrang vor. Einige unvorsichtige Bewohner von Port Grimm sind noch auf den Straßen. Motte macht keinen Unterschied. Wer sich in den Weg stellt ist ein Feind. Motte ergötzt sich an den Schreien, den eigenen, wie auch der Sterbenden. Rohe ungefilterte Kraft, Urgewalt, strömt durch ihren Körper. Motte ist unbesiegbar.

Ein fataler Irrtum, denn als der Weg in eine Seitengasse führt muss Motte gegen die Dunkelheit anblinzeln. Zu spät bemerkt sie die Gestalten in der Gasse – mit unglaublicher Kraft werden ihre Arme gegen die Wand gepresst. Motte Füße berühren kaum den Boden. Die Winde der Magie scheinen nicht mehr greifbar. Kaum dass sich die Augen an das Dämmerlicht gewöhnt haben, tritt eine Gestalt vor Motte - Die Rattenmutter. Sie ist älter, größer. Ihr Gesicht ist immer noch entstellt, aber anders. Es ist irgendwie länger, die Nase kleiner, spitzer. 

Sie lispelt leicht als sie zu sprechen beginnt. Sie an, Motte, Gisbert oder wie du dich nennen magst. Du traust dich in unser Revier. Ein mächtiges Durcheinander richtest du mit deinen neuen Freunden an. Schön, schön. Aber du hast noch etwas von mir. Das will ich haben. 

Motte versucht gar nicht erst sich zu wehren. Zu sehr fasziniert die Rattenmutter. Als sie mit einer sanften Geste über Mottes Wange streift, füllen sich ihre Augen mit Tränen, ein sanftes Gefühl breitet sich in ihrem Bauch aus. Das jäh in einen brennenden Schmerz über geht. Die Rattenmutter hat ihre Klauen in Mottes Bauch gestoßen, wühlt in ihren Eingeweiden. Die Tränen fließen, jetzt vor Schmerz. Die Rattenmutter lächelt, als sie gefunden hat, was sie sucht. Mit einem Ruck zieht sie ihre Klauen zurück, ein Teil von Motte in der Hand. 

Die Griffe an den Armen lassen los. Motte fällt in den Straßendreck. Unter Schmerzen kann sich Motte auf die Knie kämpfen, eine Hand vor dem Bauch, Blut zwischen den Fingern. Die Rattenmutter kniet sich vor ihr Gesicht. Wieder streicht sie zärtlich über die Wange, gibt Motte einen langen Kuss und meint, damit ist deine Schuld getilgt. Motte fällt mit dem Gesicht in den Dreck.

Alles ist schwarz. Motte öffnet die Augen. Bin ich ausgerutscht, ist der erste Gedanke. Mottes Bauch schmerzt, ein Krampf. Wo ist James mit den Echsen. Haben sie mich einfach liegen gelassen? War ich bewußtlos? Wollen sie nicht mit einem Weichhäuter kämpfen? Motte kommt schwerfällig auf die Beine. An der Straßenecke sieht sie Kazuug, wie er in Richtung Hafen stapft. Im Vorbeilaufen greift er einen Menschen – Motte kann nicht sehen, ob Bewohner oder Scherge – beißt den Kopf ab und wirft ihn weg. Sein höhnischer Blick trifft Motte, als er ruhig seinen Weg fortsetzt.

Allein habe ich keine Chance, denkt Motte. Die Albträume zehren an meiner Kraft. Ich muss zu James. Mein Mentor. Mit purer Willenskraft kommt Motte wieder auf die Beine. Jeder Schritt bereitet Schmerzen, aber mit jedem Schritt kommt auch die Kraft zurück. An der Straßenecke kann Motte bereits wieder rennen.

In der Wachen Welt hat Hartmuut derweil allerhand damit zu tun die Spinnen von den Schlafenden weg zu halten. Jeder Schlag mit dem Hammer trifft, aber die Kräfte lassen langsam nach. Der Boden ist glitschig von den Überresten der Spinnen. Immer wenn er kurz die Augen schließt, um sich Schweiß (bei den Göttern, lass es nur Schweiß sein) aus der Stirn zu wichen ist da noch etwas anderes. Er hört Schlachtgeräusche. Meint Rauch und Blut riechen zu können. Hat kurze Visionen aus Port Grimm.

Von der Straßenecke aus kann Motte einige der T’Skrang sehen. Sie schlachten menschliche Bewohner von Port Grimm ab. Dabei gehen sie systematisch vor, wie James es ihnen befohlen hat. Tod den Weichhäuten! Ist ihr Schlachtruf. Motte schüttelt den Kopf, eingreifen und den Menschen helfen? Oder doch die eigene Rache vollenden. Gerade hat Motte sich entschieden und will sich in Bewegung setzten, da erscheint der Lehrling von Mutter Bogwin. 

Als die T’Skrang Motte sieht wirft sie einen Zauber. Offensichtlich ist es auch ihr Ziel alle Weichhäuter zu töten. Mehr verärgert, als geängstigt greift Motte zu einem Gegenzauber. Offensichtlich aber ist die Nachwuchsschamanin auch in der Lage die Albtraumwinde zu nutzen. Motte wird gegen eine Hauswand geschleudert und schlägt hart mit dem Kopf auf. Kurz wird Motte schwarz vor Augen.

Der Moment dauert kaum einen Augenblick. Wütend springt Motte vor. Aber die Schamanin ist schon verschwunden. Motte atmet durch, fühlt nach den Energien der Albträume, läßt sich von den Winden der Magie umtosen, schöpft Kraft. Ein Gefühl durchdringt den gesamten Körper, größer, stärker, schneller – mächtiger zu sein, als jemals zu vor, als alle anderen. 

Mottes Gedanken rasen. Ich werde meine Rache erfüllen. Die T’Skrang, werden mich nicht aufhalten. Keiner wird mich aufhalten! Ich bin Eirlys, das Werkzeug der Schneeprinzessin, ich besitze die Macht der Gletscherdrachen! Ich. Bringe. Den. Tod! Motte schreit. Mit dem Schrei verdichtet sich die Luft. Wasser kondensiert, wird zu Eis. In einem Wirbelsturm aus messerscharfen Eissplittern schreitet Motte in Richtung des Hafens. Um sie herum eine Blase der Zerstörung. Alles, was in ihren Weg kommt wird zermahlen. Motte achtet nicht mehr auf den Weg. Karren, Tiere, Menschen, T’Skrang – alles was in ihrem Weg liegt muss weichen oder wird als blutiger Schnee hinter ihr zurückbleiben. Motte sieht nur noch ihr Ziel klar, die Rache muss vollendet werden, alles andere versinkt in einem roten Nebel.

Endlich ist die „Bunte Kuh“ in Sicht. Zwar wirkt sie größer, dunkler, irgendwie verzerrt, aber dafür hat Motte keinen Blick. James hat das Gros der Echsenmenschen auf Schleichwegen zum Schiff geführt. Gerade sind sie dabei die Reling zu stürmen. Achtmesser koordiniert eine Verteidigung am Achterkastell, während ER hochmütig am Ruder steht. Wie in Mottes Träumen stechen zwei Hörner aus seiner Stirn, Macht umwabert ihn.

Motte schreit wütend auf. Der Tod Bäcker ist ihre Katharsis. Der Kopf von Bäcker gehört Motte, nur deshalb erträgt sie alle Schmerzen, wandelt am Rand des Abgrunds. Als auch Kazuug in seiner Riesengestalt sich nähert, beginnt Motte zu rennen.

Während des Laufens ringt Motte mit Wut und Enttäuschung. Blutige Tränen ziehen Schlieren über ihr Gesicht. Nicht nur das Haar ist weiß, wie Schnee. Der Eiswirbel ist zu einem Sturm angewachsen. Jeder Schritt Mottes hinterläßt den eisigen Fußabdruck des Winters, Schnee sammelt sich in ihrem Weg. 

Rücksichtslos pflügt Motte durch T’Skrang und Hanse-Schergen. Einige der Körper zerschellen auf dem Deck. Die Berührung Mottes hat sie in Eis verwandelt. Achtmesser wird von ihr mit einem beiläufigen Schlag an die Seite gewischt. Die Macht Bäcker reicht gerade, um nicht vom Eissturm zerfetzt zu werden. Dem Schlag mit der eisigen Axt kann er nichts mehr entgegen setzen. Sein Kopf fällt mit dem Ausdruck des Erstaunens vor Mottes Füße. Nicht einmal für einige letzte Worte wurde Ihm die Zeit gelassen. 

Endlich hat sich der Sinn ihres Lebens der letzten Jahre erfüllt. Endlich kann Motte frei sein. Sie greift nach dem abgetrennten Kopf, hebt ihn hoch über sich. Schreit vor Triumph, genießt das angenehme Gefühl des Sieges. Jetzt da die Rache endlich erreicht wurde, will ein Teil von Motte zurück, zurück in ein Leben, das sie nie führen konnte. 

Aber der Weg zurück ist verschwunden. Das kleine hilflose Mädchen, das sich verstellen musste, das nach Wegen und Macht für die Rache gesucht hat ist nicht mehr. Motte hat sich verändert, ist gewaschen, hat Macht erlangt. Sie ist Eirlys die Heroldin der Eisprinzessin. 

Als sie mit dem Kopf in der Hand auf das Deck schaut, sieht sie die entsetzten Gesichter der Menschen, die T’Skrang in unterwürfiger Position. Sie ist jetzt bald die Herzogin der Gletscherdrachen. Jede menschliche Wärme ist aus ihr verschwunden, ihr kaltes Herz ist erfüllt von eisiger Macht. Im Triumph schließt sie die eisigen Augen, um den Moment voll auskosten zu können.

Aber ein quälender Schmerz hindert sie. Motte spürt, dass sie wieder allein ist. Sei fühlt, dass ihre Mentoren sie im Stich gelassen haben. James hat den Kampf vermieden, sie machen lassen, hat sie nicht versucht zu unterstützen. Hartmuut hat sie nicht begleitet und Juri ist gar nicht erst mit gekommen. Derweil hat sie eine Hauptlast des Kampfs getragen, hat die Schergen von den T’Skrang abgelenkt. Und jetzt an Bord wollten sie Mottes Rache stehlen. Ein wehmütiges Gefühl beschleicht Motte, das langsam in eine unterschwellige Wut übergeht. Erst der Ruf „Motte was hast du getan?“ läßt sie wieder die Augen öffnen.

Motte steht auf dem Achterdeck, hält einen Kopf in der einen und ihre Axt in der anderen. Zu ihren Füßen liegt ein kleiner Körper. Ein markantes Lachen hallt in ihren Ohren – Bäcker. Motte ist irritiert, lacht der abgeschlagene Kopf sie aus? Dann realisiert sie, dass Bäcker noch lebt. Sie hält den Kopf von Brodert Quink in der Hand. Sie hat in ihrem Wahn den liebenswerten Gelehrten getötet. Jegliche Kraft weicht aus ihrem Körper die Axt entgleitet ihrer Hand. Sie sinkt auf dem Deck zusammen, hält den Kopf in beiden Armen, fängt hemmungslos an zu weinen.

Schwere Schritte von eisenbeschlagenen Stiefeln nähern sich Motte. Durch den Schleier ihrer Tränen nimmt sie kaum wahr, was Bäcker sagt. „Mein kleiner Silberstreif, ich habe dir doch immer gesagt, uns verbindet ein besonderes Band. Denkst du das kannst du so einfach durchschneiden? Glaubst du deine Gefährten sind deine Freunde? Nur ich kann deine Einsamkeit füllen. Sie haben dich beim ersten Angebot ausgeliefert. Du bist ihnen vollkommen egal.“ Bäcker legt beinahe zärtlich die Hand auf Mottes zitternden Körper. Dann greift er hart zu und zieht Motte mühelos auf die Füße. „Aber bevor du wieder mein Sonnenschein sein darfst, werde ich dich natürlich strafen müssen! Das verstehst du doch? Vor allem, da du dir etwas hast nehmen lassen, was mir gehört!“ Motte kann nur noch schreien, nichts ist gewonnen, alles verloren, die zeit des Schmerz beginnt von neuem. Motte kann nicht mehr Weinen, nicht mehr Schluchzen nur noch die Augen schließen, in der Hoffnung, dass es schnell vorbei ist.

Dunkelheit umfängt Motte. Diesmal ist die Desorientierung nur ein Wimpernschlag. Kalte Mauern eines Korridors, rau unter ihrer Hand. Ineys spürt die kalten Bodenfliesen unter ihren nackten Füßen. Sie erschrickt, als etwas pelziges im Vorbeihuschen ihren Knöchel streift. Angst umfasst ihr Herz, Tränen laufen ihre Wangen herunter. Wenn sie doch wenigstens nicht ihren Beschützer Verloren hätte. Aber Tante Agathe der kleine Affe aus Lumpen liegt irgendwo in dem Schlafsaal, aus dem sie geflohen ist. Ein leises Kichern läßt sie schwer schlucken. Sie sind so nahe. Vor lauter Angst kauert sie sich in eine Ecke des Gangs und schließt die Augen.

Als Motte die Augen öffnet überlagert sich ihre Wahrnehmung. Eine Flut aus verschiedenen Bildern schiebt sich übereinander, der Gang aus ihrer Kindheit, das Achterdeck der Bunten Kuh, Port Grimm, das Innere des Tempels. Mottes starker Schwindel läßt ihren Magen rebellieren. Motte muss Galle ausspucken. Dann kommt der Schmerz, ihre Eingeweide verkrampfen, jeder Schnitt, jeder Schlag beginnt zu schmerzen. Genauso plötzlich ist es vorbei. Motte steht wieder sicher auf den Füßen.

James steht mit einer großen Gruppe T’Skrang zu ihrer Rechten. Links steht Kazuug mit einigen anderen Echsen. Dazwischen die Brutmutter. Über allen spannt sich der irisierende lila-schwarze Himmel der Albträume. Um sie herum ist ein Talkessel, ähnlich einer Arena. Sicht ständig verändernde Bäume säumen den Rand, wie Gras im Wind. Undeutlich zu sehen, aber doch deutlich zu spüren nähern sich gigantische Wesen. Die Brutmutter der T’Skrang erscheint und mit ihr kommt die Herrin der langen Nacht. Die Eisprinzessin erscheint. 

Mottes Herz hüpft. Der lange Weg der Schmerzen und Angst muss sich gelohnt haben. Die Eisprinzessin wird ihr helfen. Jetzt muss sich Motte nur als würdig erweisen. Ein Lächeln umspielt Mottes Lippen, es ist einer der glücklichsten Momente ihres Lebens. Gerade will sie ihre Bitte an die Herrin der Gletscherdrachen formulieren, da fällt Kazuug ihr ins Wort. Er spricht zur Brutmutter. Motte spürt den Zorn in sich aufsteigen. Was fällt diesem zu groß geratenen Sumpfdrachen ein. Sie wird Herzogin der Gletscherdrachen. Da muss diese Eidechse ihre Bitten hinten an stellen.

Dann mischt sich auch noch James ein. Verhöhnt Kazuug. Stellt seine Ehre in Frage. Schließlich wollte Kazuug nur Weichhäuter töten. Rache nehmen, um jedne Preis. Derweil hat James die T’Skrang-Brut beschützt. Welcher Anführer vergisst seinen Stamm. Nur James ist der wahre held der T’Skrang.

Motte spürt wie eisige Wut in ihr kocht, als die Eisprinzessin sich ihr zuwendet. Mehr in ihren Gedanken als mit Worten spürt Motte die Botschaft der Bringerin des Nordwinds. Motte soll alles hinter sich lassen, sich selbst aufgeben, ihre wahre Stärke zeigen. Als Motte dem Wunsch der Eisprinzessin nachkommt, kann sie am Rande ihrer Wahrnehmung ein Geräusch hören, wie berstendes Eis oder zerbrechendes Glas. Was aber sofort von dem Tosen des Blizzards übertönt wird, den Motte aus ihren Händen strömen läßt. Ein furchterregender Tornado aus Schnee und Eis umgibt Motte, als sie auf die streitenden Kontrahenten um die Führung der T’Skrang zuschreitet. Bereit alles zu vernichten.

In der unterirdischen Anlage hat Hartmuut in der Zwischenzeit alle Phasenspinnen besiegt oder vertrieben. Trotz der irritierenden Einbrüche der Albträume in die Realität. Aber er hat keine zeit zu verschnaufen. Mit einem der letzten Einblicke konnte er sehen, dass Motte von anderen Kräften eingenommen wird. Der Junge hat sich zu sehr auf Mächte eingelassen, die er nicht kontrollieren kann. Für Hartmuut ist klar. Der Junge muss wieder in die Wirklichkeit geholt werden. Tollkühn tritt er in die Albträume ein. Doch er kann Motte nicht erreichen. Der Blizzard ist zur Stark. Denn auch wenn Hartmuut es gewohnt ist durch Schnee und Eis sich einen Weg zu bahnen. Die Winde lassen ihn nur wenige Zoll vorankommen.

So muss er hilflos mit ansehen, wie der Kampf um die Gunst von Brutmutter und Eisprinzessin eskaliert. Denn kaum hat Motte ihre Kräfte entfesselt, stürzt sich Kazuug auf sie, durchdringt den Blizzard und will seine Zähne in das weiche Fleisch von Motte schlagen. Aber Motte ist nicht unvorbereitet. Sie ist keine leichte Beute. Mit ihrer Axt aus Eis gelingt es ihr den Angriff abzuwehren. Dann geht sie zum Gegenangriff über, schlägt Wunde um Wunde in den sich verzweifelt wehrenden Kazuug. 

Als er am Boden liegt hindert nur Hartmuut sie daran ihm den Rest zu geben. Mit seinem Hammer versucht er Vernunft in den Jungen zu prügeln. Aber Motte ist erfüllt von der Macht der Eisdrachen. Die Haut schimmert, wie altes Eis, die Augen und Haare sind weiß wir Schnee die Lippen dagegen rot von Blut. Alle Angriffe von Hartmuut währt Motte ab. Aber auch Motte zeigt Schwäche, so dass der Kampf hin und her wogt.

Dann greift James in den Kampf ein. Abgelenkt und geschwächt kann Motte dem nichts entgegen setzten. Ein Stich ins Bein ein Schlag mit der Faust gegen den Kopf. Motte taumelt, spuckt Blut und schlägt, wie ein gefällter Baum zu Boden. Augenblicklich ist der Blizzard vorbei. James stößt einen gutturalen Schrei aus. Er ist der unumstößliche Sieger. Kazuug, mittlerweile auf sein normale Größe geschrumpft, ist der Erste, der mit einer Geste der Unterwerfung die Führung anerkennt – nur der Stamm zählt. Mit Hilfe von Mutter Bodwin wird eine neue Brut aus der Taufe gehoben. 

Langsam verblasst die Albtraumwelt, wird vom Brutteich im Labor eingenommen.

In der Albtraumwelt versucht Motte langsam wieder auf die Bein zu kommen. Schwankend schafft sie es aufzustehen. Ihr Gesicht schmerzt, sie schmeckt ihr Blut. Mit einer Hand schützt sie ihren Bauch, auch hier ist eine blutende Wunde. Ihr Körper ist von Schnitten und Schlägen gezeichnet. Die Eisprinzessin steht in all ihrer Herrlichkeit inmitten von toten Körpern. Motte erkannt Feinde, aber auch Freunde unter den Leichen. Sie kann sich nicht mehr aufrecht halten. Als die Eisprinzessin zu sprechen beginnt, fällt sie auf die Knie. 

Die Stimme der Herrin der langen Nacht ist gewaltig, wie eine Lawine, als sie sagt: „ Du hast mich enttäuscht! Also büße für dein Versagen. Deine Seele wird gebrochen und auf das Rad geflochten.“ Motte weiß, die Mutter der Gletscherdrachen verzeiht keine Schwäche. Eine bittere Traurigkeit hat Motte erfasst, Selbstmitleid und Versagen mischen sich unter die Erkenntnis gleich ein grausiges Schicksal zu erleiden. Neben der Eisprinzessin erscheinen die anderen Jahreszeiten. Der Grüne Mann hat Ähnlichkeit mit James, während Hartmuut als Avatar des Jägers erscheint. Als Motte die Schwester der Eisprinzessin sieht, füllen Tränen ihre Augen. Die Sommerkönigin erscheint in der Gestalt von Juri. Sie läßt ein großes Wagenrad erscheinen. Sogleich wird Motte auf den Boden ausgestreckt. Auf ein Nicken der Eisprinzessin läßt Juri das Rad auf den ausgestreckten Arm von Motte niedersausen. Mit dem Schmerz kommt die Dunkelheit.

In der wachen Welt sind die Überlebenden wieder zu sich gekommen. Nur Motte scheint in den Albträumen gefangen zu sein. Hartmuut wird vom Mutter Bogwin daran gehindert Motte aufzuwecken. Sie muss es aus eigenen Antrieb schaffen oder ihr Geist bleibt in der Albträumen gefangen, ist ihre Erklärung. Und so starren Hartmuut und James mit gemischten Gefühlen auf die schlafende Gestalt Mottes. Langsam bilden sich Spuren auf ihrem Körper. Spuren von Erfrierung zeigen sich, eine tiefe Wunde am Bauch fängt langsam an zu bluten. Schnitte und Blessuren erscheinen überall auf der Haut. Eine Seite des Gesichts schwillt an. Dann bricht unter lautem krachen Mottes linker Arm an zwei Stellen, so dass die Knochen herausragen. Mit dem letzten Knacken richtet sich Motte mit einem Ruck auf. Ihr lauter Schmerzensschrei läßt alle T’Skrang zu ihr blicken. Motte ist wach. Aber nur kurz bei Bewußtsein, denn vor Schmerzen fällt Motte sogleich in einen Dämmerzustand, nur ihr erbärmliches Wimmern zeigt, dass sie nicht tot ist. 

Wieder herrscht totale Finsternis im Gang. Leise sind hallen Ineys Schritte von den Wänden zurück. Nackte Füße, die über nasse Steine tapsen. Dahinter schwere Schritte, von Stiefeln, die immer näher kommen. Motte hört wie ein Gegenstand aus Metall mit der Spitze über den Boden schleift. Dazu die bekannte Stimme, wie sie misstönend ein Kinderlied anstimmt: Flieh Motte, flieh - Im Südmeer herrscht bald Krieg - Es regt sich was im Albtraumland - Dann wird Port Grimm bald abgebrannt - Flieh Motte, Flieh. Dann folgt Gelächter. Motte gibt ein heiseres, erschöpftes Keuchen von sich beginnt zu Rennen.

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