Tagebuch von Motte - Hyänenjammer
Hartmuut ist dabei aus den verbliebenen Vorräten der Festung etwas zu kochen. James liegt im Wasserbassin und schläft oder ruht sich aus – bei Echsen ist mir das nie so ganz klar. Juri unterhält sich mit den ehemaligen Sklaven. Und ich? Ich habe mich nach Draußen verzogen, in den Schatten einer Mauer. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich hätte die Möglichkeit gehabt mit meinen Fähigkeiten zu glänzen. Und was ist passiert? Ich habe auf ganzer Linie versagt. Ich habe zehn Jahre Magie studiert – und bin unfähig eine blöde, räudige und flohverseuchte, aufrechtgehende Hyäne zu verzaubern. ER hatte wohl doch recht – ich bin zu nichts zu gebrauchen.
Aber ich werde jetzt nicht heulen. Nicht schon wieder. Ich bin Motte. Ich habe eine neue Zukunft. Ich habe Freunde und außerdem habe ich ein Flasche Wein, die soll mir etwas Trost spenden. Immerhin etwas, was ich kann: Unauffällig eine Flasche Wein einstecken – nicht, dass die Anderen mich dabei beobachtet hätten. Selbst die schmutzige Ännie hätte das hinbekommen. Aber ich will mich nicht zu sehr grämen.
Wir haben es geschafft die Festung einzunehmen, ohne Verluste, sogar ohne ernsthafte Verletzungen. Aber es lief überhaupt nicht so, wie geplant. Alles, aber auch wirklich alles, was ich tun wollte, womit ich zeigen wollte, dass ich kein kleines Kind bin, sondern Motte - erfahren und mächtig in Diebeshandwerk und Zauberkunst. Aber dann ist einfach alles gleich zu Beginn schief gelaufen.
Mein Schlafzauber zeigte keine Wirkung auf den Gnoll, der auf dem Turm Wache stand. Auch mit der Zauberhand schaffte ich es dann nicht, den Gnoll vom Turm zu befördern. In Port Grimm hatte ich damit noch schwere Mehlsäcke mehrere Schritt weit werfen können. Aber dieser Gnoll ließ sich einfach nicht bewegen, obwohl ich ihn fest umklammert hatte. Vielleicht ist mein Metier doch die Illusionen. Mädchenzauber, wie ER immer gesagt hat. Es beruhigt mich auch nicht, dass Juri ebenfalls mit ihren Zaubern Probleme hatte. Wie gut sollen auch Wasserzauber in einer Wüste wirken?
Es war klar, die Gnolle in der Festung waren alarmiert. Daher entschlossen James und Hartmuut sich zum Handeln. Und was soll ich sagen? James war ein Inspiration. James nahm ein magisches Mittel seines Volkes und verwandelte sich in eine Art Echsenoger. Wie in den alten Heldenliedern, wurde er zu einer Inkarnation des Kriegers, die manifestierte Gewalt, der Avatar des heldenhaften Kampfs, der Bote des Todes. Ich finde kaum Worte, um das Geschehen zu beschreiben.
War er schon immer groß, wurde er jetzt riesig. Mit wenigen Schritten war er am Turm und sprang mit Leichtigkeit auf die Plattform. Dort brüllte er seine Herausforderung an die Gnolle und begann sein Wüten. Die Feinde fielen unter den Schlägen seiner Glefe, wie Korn unter der Sense. Selbst Pfeile prallten von ihm ab, wie von Stein.
Hartmuut war derweil zum Tor gestürmt, um die Gnolle und ihre Hyänen daran zu hindern uns von dort anzugreifen. Auch seine Axt hielt blutige Ernte unter unseren Feinden. Und was tat ich? Ich versuchte immer noch den Gnoll vom Turm zu befördern. Mittlerweile rannen mir Tränen der Frustration die Wangen herab. Aber als James den Gnoll mit seiner Glefe aufspießte und mir vor die Füße warf, wußte ich was zu tun ist. Ich spürte den Zorn in mir aufsteigen. Ich riß meine Axt heraus und warf mich in den Kampf. Aber nicht ohne mir vorher das Blut des toten Gnoll in das Gesicht zu schmieren, auf dass seine Kraft auf mich über geht.
Und dann übernahm der Zorn die Kontrolle. Ich schrie meine Wut, meine Frustration und meinen Zorn heraus. Ich erbot der Eisprinzessin Leben zu opfern, um ihre Wendigorudel zu mehren. Hoffte so auf den Beistand, dass sie mir die Kraft des Nordwinds geben möge. Ich gab mich dann ganz der Roten Wut hin. Auch jetzt, wenn ich daran zurückdenke, erfüllt mich das wohlige, warme Gefühl und macht auch meinen Kopf leicht.
Zusammen mit Hartmuut stand ich dann Seite an Seite. Wir fällten Hyänen und Gnolle, wie die Zwerge in den alten Sagen der Vorzeit. Kaum, dass sie versuchten aus dem Tor zu gelangen, fielen sie auch schon. Währenddessen schlug James eine blutige Schneise durch die Feinde. So gelangten wir in kurzer Zeit in das Innere und weitere Gnolle starben, als sie versuchten zu fliehen. Nur zwei entkamen, doch wir folgten ihnen auf dem Fuße. Ich fühlte mich genauso berauscht, wie jetzt nach einer halben Flasche Wein. Vielleicht hätte ich doch zwei mitnehmen sollen.
Im Innern hatten die feigen Gnolle einen Sklaven als Geisel genommen. Bevor sie reagieren konnten, spießte James einen bereits mit seinem Speer an die Wand. Der andere wollte verhandeln, worauf Hartmuut sich einlassen wollte. Doch ich spürte, dass mein Zorn noch nicht gestillt war. Mehr Blut musste fließen. Also schleuderte ich ohne nachzudenken meine Axt. Sie spaltete die häßliche Fratze des Hyänenmenschen sauber in zwei Teile. Ein angenehmer Schauer lief meinen Rücken herunter. Ich fühlte eine tiefe Befriedigung.
Hartmuut wollte mich wohl schelten, aber James legte mir seine nun riesige Hand auf die Schulter und zollte mir seinen Respekt. Er brummte, dass er stolz auf mich sei, dass ich kleines Menschlein wüßte, dass eine Axt nicht nur zum Holzhacken gut sei. Das war das netteste, was je eine Echse zu mir gesagt hat. Ich war gerührt. Auch jetzt füllen sich meine Augen mit Tränen, aber sei's drum, es ist keine Schande vor Stolz zu weinen.
Aber noch waren wir nicht am Ende. Neben dem befreiten Sklaven waren noch drei weitere Menschen im Sklaventrakt, aber keine Gnolle. Also die andere Tür. Dort kamen wir in einen geschmackvoll eingerichteten Raum mit Bildern aller Oberhäupter der großen Familien von Port Grimm - und von Eberhard Brettschneider! Noch beeindruckender war aber der riesige Dschinn, der sich manifestierte und nach einem Losungswort fragte. Einer Eingebung folgend sprach ich sofort „Isandra“, denn auch von der Zauberin war ein Bild an der Wand. Und unfassbar – es war richtig.
Aber wir nahmen zunächst nicht die Verfolgung auf. Wir begannen den Dschinn zu befragen, war dieser doch recht auskunftsfreudig. Er war gebunden und hatte die Aufgabe die Sklaven zu trainieren, Luxussklaven aus ihnen zu machen. Auch die Frage nach seinem Meister beantwortete er bereitwillig. Zwar konnte er uns keinen Namen nennen, aber dessen Gestalt annehmen. Es war der Sklave, den der Gnoll bedroht hatte. Ich erkannte auch sogleich die Roben – es war ein Grauer Wächter – die besten Spione des Imperiums.
Das Bild meiner Zukunft, bevor ich auf das Schiff ging, das mich in das Südmeer brachte. Bevor ich mein wohlgeordnetes Leben mit Lernen und Studieren, mit der Aneignung von Wissen hinter mir lies. Nur um jetzt im heißen Wüstensand zu sitzen und zu merken, dass ich wohl die letzten Jahre an die Zauberei verschwendet habe. Dass ich trotz des Studiums ein Nichtsnutz bin – das hat ER ja auch immer gesagt. Und dass ich Fett und Faul bin und nur an meinen Büchern interessiert – zu dumm, um zu wissen, was meine eigentlich Aufgabe ist. Verdammt - Sogar zu dumm zu trinken. Jetzt habe ich auch noch in mein Buch gekleckert. Sei's drum, ich fange jetzt aber nicht wieder an zu heulen.
Ich bin vielleicht nicht so gut mit der Magie, aber meine Axt findet ihr Ziel – sogar James hat er anerkennend genickt. Und mein Wissen ist groß und ich stehe jederzeit bereit es zu teilen und ich habe mehr als einmal die anderen beeindruckt. Meine Lust und Interesse an Büchern und Wissen ist nützlich! Und fett bin ich schon lange nicht mehr! Nur durstig. Scheiße jetzt hab doch angefangen zu flennen.
Aber ich will mich nicht wieder vom Zorn überwältigen lassen. Meine Reizbarkeit hat zugenommen seit wir auf der Insel sind. Dabei ist der Mond noch gar nicht in der entsprechenden Phase. Sicher zehrt die Langeweile der öden Gegend an meinen Nerven. Nun denn, sei's drum. Zurück zu den Ereignissen.
Wir hetzten natürlich sofort zurück und stellten den Magier zur Rede. Und wieder half mein Wissen, meine Ausbildung am Grauen Konzil. Wenn ich jetzt daran denke bereitet sich wieder das warme Gefühl der Zufriedenheit in meinem Bauch aus. Denn ging es zunächst darum, warum wir hier ein Blutbad anrichten, ob die Preise nicht angemessen seinen. Worauf wir entgegneten wir wären von IHNEN geschickt, weil es Probleme gäbe. Darauf machte der Komillitone dann eine der geheimen Gesten des Grauen Ordens. Juri und James reagierten schnell, ich aber auch. Ich konnte noch eingreifen, dass der Wächter nicht gleich einen Finger oder die ganze Hand verlor – auch wenn James den Finger, welchen er ergriffen hatte, nicht wieder los lies. Ich machte die entsprechende Antwortgeste und der Wächter entspannte sich nicht nur, er redete auch wieder wie ein Wasserfall. Hielt er mich doch jetzt für einen „Bundesbruder“. Wiedereinmal kam mein Wissen uns zu Gute. Auch wenn die Anderen mich immer damit aufziehen. Ich weiß, warum ich meine Nase so gern in Bücher stecke. Sie müssen ja nicht wissen, dass es angelegentlich auch die romantischen Abenteuer von Eritha Kreuzfahrer sind.
So konnten wir eine Menge erfahren, was ich später noch genauer niederschreiben werde. Joachim Schwertwal hat wohl einige Striche durch die Rechnung von Hanse und Imperium gemacht. Es gibt eine Verschwörung, um Port Grimm wieder dem Imperium anzugliedern. Und es gibt einen magischen Spiegel, dem nur verschleiert entgegen getreten werden darf.
Was uns dann aber alarmierte, war: es waren noch Gnolle in der Festung, die jetzt gerade dabei waren die Unterlagen über die Runenmagie zu zerstören. Wir mussten uns sputen, wenn wir noch Erkenntnisse zur Runenmagie retten wollten. Etwas das nicht nur mir ein Anliegen war – auch die Anderen waren davon überzeugt, dass die Gesellschaft sicher an den Unterlagen des Grauen Wächters interessiert ist.
Zunächst wurde aber dafür gesorgt, dass der Magier uns nicht in den Rücken fallen würde. Es wird sicher einiges an Argumenten benötigen, um vielleicht noch weitere Informationen von ihm zu bekommen. James hat nämlich einfach seinen Kopfe gegen die Wand geknallt. Einfach aber effektiv. Dann verfrachteten wir den Bewußtlosen mit Knebel und Sack über dem Kopf in eine Zelle.
Dann ging es aber flucks weiter in den Privatraum des Grauen Wächters. Es war schnell und brutal. Ich opferte mein Schlafgas, so dass wir uns einfacher den wütenden Gnollen erwehren könnten. James war in seinem Element und zusammen mit Hartmuut wurde es ein kurzer aber heftiger Kampf. Dank eines schönen Badebeckens konnte auch Juri endlich ihre Elementarkraft einsetzen. Der Gnoll-Hexer konnte dem nix entgegensetzen. James gab dessen Schrumpfkopfköpfe dann an Juri, weil ich dankend ablehnte. Ich seh vielleicht seltsam aus, aber ich bin doch keine Hexe! Naja Juri war jetzt auch nicht gerade begeistert. Sei's drum.
Wir haben zumindest etwas retten können. Bisher konnten wir nur einen flüchtigen Blick auf das alle werfen. Aber schon jetzt freue ich mich darauf die Schnipsel zu ordnen, das Wissen zu ergründen. Sicher kann nicht alles verloren sein und sicher wird Schwertwal daran interessiert sein. Schon jetzt fiebere ich darauf an seinem Wissen teilhaben zu dürfen, mit ihm zu diskutieren und tiefere Einblicke in die Runenmagie zu erhalten. Einiges seiner Sammlung habe ich ja schon gesehen. Ich frage mich schon, wie er so ist.
Oha – Jetzt hätte ich über diese kindische Schwärmerei beinahe das wichtigste vergessen. Weil wir dann beim Durchsuchen zwar jede Menge Zeug gefunden haben, aber nix, was ein magischer Spiegel sein könnte oder gewesen sein könnte. Daher suchten wir dann nach Geheimtüren. Natürlich hat Hartmuut die dann gefunden. In einem Roman hätte ich ja laut „langweilig“ geschrien, weil es so offensichtlich schlecht wäre. Aber unser Zwerg hat nun mal die Tür gefunden. Kannste dir nicht ausdenken. In einem Geheimraum stand dann auch ein großer Spiegel mit Goldrahmen und Runenverzierung. Damit uns nix passiert, bedecken wir dann den Spiegel. Ich bin gespannt, ob wir das Ding heile nach dem Schiff hin bekommen. Werden wir sehen, ob es uns gelingt. Aber meist ist das magische Zeug ja zum Glück eher robust.
Ich hoffe ich kann dann auch dabei sein, wenn Schwertwal den Spiegel untersucht. Seit der Akademie habe ich das nicht mehr getan. Wissenschaftliche Forschung. Und ich kann dann mit einer wirklichen Legende zusammen arbeiten. Da wird selbst Juri nix sagen können. Eine Vignette von Schwertwal hab ich schon gesehen. Gar nicht so unattraktiv, auch wenn ihm die animalische Ausstrahlung von Akbash fehlt, die manchmal einen leisen Seufzer in mir weckt. Aber der sanfte Blick, wer weis? Stille Wasser sind tief. Es ist schon seltsam, sonst vermisse ich die körperliche Zuneigung nicht. Gelegentlich einmal, wenn der Mond sich mehrt, eine Ahnung. Aber seit ich in dieser von den Götter verdammten roten Einöde bin, scheint es mir als ob die Hitze ein Verlangen in mir weckt, das mir sonst eher fremd ist.
Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, dann haben doch wirklich Zorn und Lust und Albträume zugenommen. Seit ich dieser verfluchten Insel immer näher gekommen bin, scheint etwas mit mir zu passieren. Ist wohl doch nicht die Fluchdämon. Aber hängt wohl damit zusammen. Weil ER kommt immer drinne vor. Sieht dann aus wie ein Dämon, mit Hörnern und so. Ist ER ja auch irgendwie. Und wenn das Imperium hinter allem steckt, die Hanse für das Spionieren benutzt und die Fluchflotte auch mit drin hängt? Alles ist verbunden und ich bin mittendrin. Da kommt mir ein schrecklicher Gedanke! Bin ich vielleicht verflucht, seit ich von dem Schiff geflohen bin? Vielleicht kann ER sowas?
Da ist ja diese Sache mit dieser Komilitonin vor einigen Jahren. Die ist ja auch mit IHM in den Süden gefahren. Und dann kam die zurück nach 'nem Jahr. Vollkommen Plemplem. Hat immer von uralten Schrecken gefaselt. Irgendwas, dass sich der Schrecken wieder aus dem Abgrund erheben wird, bevor sie dann in ein Churun-Kloster kam. Die war ja auch ein Zögling von IHM. Ist ER die Wurzel allen Übels?
Vielleicht ist das die Lösung. Ich werde IHN töten. ER ist sicher noch in Port Grimm oder da irgendwo in der Gegend. Ich werde den schon finden. Und dann werde ich seinen Kopf als Geschenk an den Grünen Mann darbringen. Vielleicht können die Kräfte des Jahreskreis dann den Fluch von mir Bannen. Das ist eine gute Idee. Und falls es nicht bis Beltane klappt. Dann muss ich die Mächte um Hilfe bitten. Dann biete ich mich halt als ihr Werkzeug an, um einen Dämon von der Welt zu tilgen. Das muss doch im Interesse des Rads sein. Sei's drum – ich werde es auf jeden Fall versuchen! Versuchen oder Sterben – das klingt romantisch!
Aber jetzt werde ich erst mal schauen, ob Hartmuut mit dem Essen fertig ist. Ich hab jetzt wirklich Hunger. Und der Wein ist auch schon seit einiger Zeit leer. Zum Essen gibt’s sicher Tee. Sei's drum - Hartmuut hat ja immer eine Idee welcher Tee am Besten zum Essen geht. Eine neue Flasche kann ich mir auch noch danach holen. Und dann geh ich Baden. Der Magier hat eine tolle Lavendel-Seife. Nicht nur sauber, auch noch angenehm duftend. Das wird toll.
Muss nur noch James ein bisschen Platz machen. Der olle Sumpfdrache wollte ja nicht eher aus dem Wasser raus, bis er ausgeschlafen hätte. Ich hoff mal der beißt nicht im Schlaf. Sei's drum, dann bleib ich halt am Rand. Den Wein kann ich so oder so trinken. Hauptsache sauber. Das mit dem Blut im Gesicht, war doch 'ne doofe Idee. Und falls die anderen dumm gucken, ist das nicht mein Problem! Ich kann mich waschen womit und wo und wann ich will! Ich bin Motte und meine Gefährten, kommen sicher damit klar! Ich muss mit nicht mehr verstecken. Vielleicht finde ich ja auch noch was Süßes. Kandierte Datteln, ah das wäre toll. Jetzt ist aber genug Geschrieben. Jetzt aber erst mal was essen.
