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Donnerstag, 10. November 2022

Mottes Tagebuch - Es stinkt zum Himmel Teil 2

Tagebuch von Motte - Das Aroma der Unterwelt

 

Im Hafen warteten Schergen vom Fetten Mann am vereinbarten Treffpunkt. Sie brachten uns zum Futtersack, wo Digger Jones auf uns wartete. Aurelia meinte, daß diese heimelige Örtlichkeit nie lange am selben Platz bleibe. Ich war gespannt in welche Art von Etablissement wir geführt würden. Es war dann aber überraschend heimelig. Mit Teppichen auf den Tischen und frischen Sägemehl auf dem Boden. Digger Jones war sichtlich nervös. Offensichtlich war ihm die Situation peinlich. Schließlich musste er auf unsere Hilfe zurückgreifen, um herauszufinden, wer für das Desaster des Vortag verantwortlich war. Sonst würde er sicher das erste Opfer in dem unvermeidlichen Bandenkrieg sein. So zumindest die Auskunft Aurelias, auf meine Fragen.


Neben den uns schon bekannten Ereignissen, konnten wir die wichtige Information erhalten, daß für jeden Gast eine spezielle Auswahl an Käsen bei Hartzers Käserei bestellt wurde. Einzig er selbst und die Alleshändlerin hatten keinen Käse gegessen. Nach seiner Auskunft verträgt er keinen Käse. Während die Alleshändlerin lieber Früchte esse – etwas, daß ich mir auch wieder mehr angewöhnen muss, vor allem in unkanidierter Form, wenn die Hosen weiter passen sollen. Aber ich schweife ab.


Akbash nutzte dann noch die Gelegenheit und provozierte Digger Jones mit einigen gezielten Fragen. Diese unterstellten ihm, er sei doch für das Desater verantwortlich und würde uns auf die Spur eines schon ausgewählten Sündenbocks schicken. Denn wir alle Drei hatte schon unabhängig diese Bedenken geäußert. Seine Reaktion war aber so, wie wir sie von einem unschuldigen – oder sehr guten Schauspieler – erwartet hatten. Also blieb die Frage, wer konnte noch dahinter stecken? Welche Gruppe hätte noch ein Interesse an einer zerstrittenen Unterwelt? Die Gossenzwerge? Oder doch die Hanse?


Zunächst lenkten wir unsere Schritte aber wieder zurück in Richtung des Rostigen Drachen, denn dort ganz in der Nähe ist die Käserei von Helmut Hartzer, in der es die erlesensten Köstlichkeiten aus aller Art Milch auf dieser Seite Marascas geben sollte. Wir waren gespannt.


Tatsächlich gab es in dem ordentlichen und mit einer langen sauberen Theke ausgestatteten Laden jede nur erdenkliche Art von Käse aus dem Imperium, Anderland, Crondor und natürlich Maraskar. Es gab sogar kostenlose Stückchen zum Probieren. Jedenfalls solange bis ich meinen Hunger daran gestillt hatte. Bis auf die farbigen Schimmelkäse – grün und blau frisst nur die Sau, sagte ich mir – hatte ich schnell und unauffällig alles verdrückt, was an Hart- und Weichkäsen angeboten wurde.


Derweil hatten Aurelia und Akbahs schon Bekanntschaft mit dem Inhaber höchstselbst gemacht. Dieser hatte sie sofort erkannt und seine Gehilfen in einen anderen Teil des Ladens gescheucht. Nach der unterwürfigen Begrüßung war Helmut Hartzer beflissentlich damit beschäftigt, den beiden Helden von Port Grimm einen Käse zu präsentieren, der wegen der Verteidigung der Stadt nach der Gesellschaft benannt wurde. Auch ließ er vernehmen, daß ob der Abwesenheit von dem ehrenwerten Käsekenner Meister Brettschneider gerade eine kleine Umsatzdelle entstanden sei. Akbash nutzte diese Vorlage, indem er vorgab, eine Feier für Brettschneider zu organisieren und nun passenden Käse ordern wollte. Woraus sich ein Beratungsgespräch entspann, das sicher an Langeweile kaum zu überbieten war.


Sei's drum, ich hatte mich ja dem Praktischen zugewandt. Jetzt musste ich nur eine Handvoll Zahnstocher unauffällig loswerden. Das gelang, in dem ich einem der Lehrlinge auf die mittlerweile – bis auf die käsige Inkarnation von Durchfallseife – alle Käseprobierstücke aufgegessen seien. Worauf der sichtlich ob der Unaufmerksamkeit geschockte Junge schnell Käse aus dem Lager holen wollte.


Das aber brachte Bewegung in den Chef. Dieser eilte dem Lehrling in den Weg und rief, das mache er doch selbst und er soll lieber den Schneidedraht säubern. Der Lehrling war sichtlich geknickt. Und auf Aurelias fürsorglich geheuchelte Frage erfuhren wir, daß dies seit dem Tod der Frau durch die Steinriesen so sei. Nur noch der Meister dürfe in den Vorratskeller.


Augenbrauen wurden gehoben und wir nickten uns wissend zu – zumindest hätten wir dies in einem Roman getan. So nutzen wir die Gelegenheit und verließen kurz darauf den Laden, um uns zu beraten.


Wir beschlossen dann, das Haus auszubaldowern, wie Aurelia sich ausdrückte. Zunächst wurde die Nachbarschaft unauffällig befragt. So konnten wir erfahren, wer noch im Haus wohnte, mit wem wir also zu rechnen hatten.


Im obersten Stock sollte Gustav Klosch, ein Säufer, wohnen, dieser machte uns die wenigsten Sorgen. Darunter wohnte Familie Duschen. Offensichtlich mit Großer Verwandtschaft gesegnet, denn ständig flitzte eine Person die Treppe hinauf oder hinab und verschwand in der Wohnung im zweiten Stock. Das würde zu einem Problem. Aber keins, das uns aufhalten sollte.


Ich würde dafür sorgen, dass für eine ausreichende Zeit – und Aurlia meinte nur etwas länger als einen Augenblick – von oben die Treppe versperrt sei. Derweil würde Akbash die Treppe von unten blockieren. Gesagt, getan und wir bezogen unsere Stellungen.


Also klopfte ich an der Tür der Familie Duschen. Mir öffnete eine ältere Frau mit Kind auf dem Arm. Einer Eingebung folgend behauptete ich, ein entfernter Verwandter von Gustav Klosch zu sein. Vielleicht könnte ich so noch etwas über den Mieter unter dem Dach erfahren. Und tatsächlich sprudelte es aus Frau Duschen heraus. Wortreich berichtete sie, daß Klosch ein Säufer sei, der Tagsüber nie zu sehen ist, aber dafür des Nachts umso mehr lärmen würde. Derweil verhinderte sie, mit einigen wohl gezielten Anweisungen, daß ein Topf überkochte. Ebenso hatte sie mir plötzlich das kleinste Kind auf den Arm gehoben, damit sie zwei Geschwister davon abhalten konnte, ein Drittes im Badetrog zu ertränken. Als sie mir das Kind wieder aus dem Arm nahm, war ich ob dieses Chaos beinahe nass geschwitzt, wobei es sicher kaum mehr als einen Augenblick dauerte. Vollkommen erschöpft verabschiedete ich mich und machte mich treppauf zu meinem angeblichen weit entfernten Verwandten auf.


Höflich klopfte ich und wartete, bevor ich mit geschickter Hand das Schloss öffnete. Dank der vor dem Ausflug nach Totholz erstandenen Dietriche kein Problem. Im Innern bewegte ich mich vorsichtig, vor allem da der Boden mit leeren Weinflaschen übersät war. Als ich mich zum hinteren Zimmer aufmachte, hörte ich seltsame Geräusche. Mit aller Vorsicht näherte ich mich der Türe und versuchte durch das Schlüsselloch zu spähen.


Dort war Klosch, die Ursache des Klatschen, wie ich jetzt hörte. Weil ich immer noch nichts sehen konnte, wollte ich die Türe eine Spalt öffnen. Glücklicherweise fand sich in meiner Gürteltasche neben den Dietrichen auch eine kleine Phiole Öl. So konnte ich ein Quietschen der Tür verhindern. Was ich durch die halboffene Tür sehen konnte stieß mir vor den Kopf.


Klosch war nicht ein einfach Säufer, er war Maler! Und seine Bilder waren direkt aus den Albträumen wahnsinniger Lotusesser entsprungen. Die Motive waren durchweg verstörend. Welten unter fremden Sonnen, Menschenopfer, Kannibalismus und schreckliche Dämonen gaben sich ein Stelldichein. Die Bilder sollten mich noch verfolgen, auch nachdem ich unauffällig aus der Wohnung geflohen war.


Aurelia war – wie ich später erfuhr – ohne Probleme in die Wohnung Hartzers eingedrungen. Dort fand sie wenig Überraschend, eine Junggesellenbleibe. Einzig im gemütlichen Teil der Wohnung hatte Hartzer ein Portrait seiner verstorbenen Frau und einige schlecht gereifte Käsegedichte, wie Aurelia meinte.


Beinahe zeitgleich kamen dann Aurelia und ich am Fuß der Treppe an. Dort lieferte sich Akbash ein hitziges Wortgefecht mit einigen Kindern und Anverwandten von Mutter Duschen. Es schien kurz davor handgreiflich zu werden, als Aurelia den Streit rustikal beendete. Sie nahm Akbash am Arm, zerrte ihn mühelos hoch und murmelte etwas von zu viel Gin. Sodann traten wir schnell den Rückzug an, um unsere Informationen zu teilen.


Nach nur kurzer Beratung war klar. Wir müssen uns den Keller ansehen. Aber was wird uns dort erwarten? Eingedeckt der Ereignisse konnte dort alles zu finden sein – von Hexenwerk bis Dämonen oder doch ein fast schon gewöhnliches Alchimistenlabor. Den Rest des Tages nutzen wir, um uns auszurüsten. Ich war überzeugt, Alchimistenfeuer ist sicher eine gute Idee, und auch ein Heiltrank darf nicht fehlen. Vor allem falls ich das Feuer in einem Raum einsetzten würde.


Bevor wir aber gleich losziehen, will ich schnell festhalten, was mir noch geschah. Bevor wir am heutigen Abend zusammen kommen, wollte ich mich noch ausruhen. Doch hatte ich keine echte Erholung, wurde ich doch von Albträumen geplagt. Aber anders als meine sonstigen Albträume kann ich mich an diese kaum erinnern. Doch was ich noch weiß ist, sie waren seltsam bizarr, was mich zur Feder greifen lässt. Denn als ich aufwachte war ich Schweißgebadet, mein Herz schlug bis zum Hals und auch mein Atem ging Keuchend. Trotzdem fühlte ich ein seltsam wohliges Gefühl und gleichzeitig kalte Angst.


Nur noch Bruchstücke kann ich festhalten. Ich knie nackt vor einer wunderschönen schwarzhaarigen Frau. Sie ritzt mir seltsame Zeichen in den Oberkörper. Ich genieße den Schmerz, weiß, daß es etwas großem dient. Um mich herum sind andere Wesen, die mit ihren rauen Zungen das Blut von der Haut lecken. Dann eine rothaarige Frau mit zornerfülltem Gesicht, die mir zuschaut, wie ich knienden Opfern die Kehle durchschneide. Sie treibt mich zur Eile an, viele Opfer warten noch. Sie tragen Gesichter die ich glaube zu kennen. Ein Zauber mißlingt mir. Ich falle durch eine sternenerfüllte Dunkelheit in totale Finsternis. In der Schwärze ist etwas, riesiges, es bewegt sich. Dann erwache ich.


Aber ich bin Motte! Ich lasse mich nicht von ein paar schlechten Träumen bange mache. Ich werde mich schnell waschen und in meine unauffällige Kleidung schlüpfen – auch wenn sie noch stark nach Rauch riecht. Aurelia und Akbash warten auf mich.


-


Ich sitze in meinem Fenster, im Schatten, damit ich von unten nicht gesehen werde. Glücklicherweise geht mein Zimmer auf die Straße zum Laden der Alleshändlerin. Diese wollen wir jetzt beobachten, denn das ist unser letzter Ansatzpunkt. Ich nutze die Zeit, um die Ereignisse der letzten Nacht zu Papier zu bringen. Als nächstes werde ich dann meine Kleidung waschen lassen. Sie hat es jetzt wirklich nötig.


Wie besprochen, wollten wir in den Keller von Hartzer vordringen. Dazu wollten wir zunächst die hintere Türe nutzen. Akbash und ich sicherten die Umgebung. Aurelia drang in den Keller vor. Dort fand sich nichts als Kohlen. Wir hätten wohl durch die Wand brechen können, aber das wäre laut und schmutzig geworden, so daß wir uns lieber dem Vordereingang zuwandten.


Damit wir nicht gesehen würden, zauberte ich eine Illusion der Vorderfront vor uns. So konnte Aurelia die Tür öffnen, ohne daß wir Aufsehen erregen würden. Die Tür war mit einem Alarmdraht gesichert, was aber kein Hindernis darstellte. Offensichtlich wurde sie schon einmal aufgebrochen.


Derweil beobachtete Akbash die Umgebung. Da er über ein magisches Auge verfügt, konnte er hinter die Dinge blicken. Das ließ ihn erkennen, daß die Flutdämon wohl wirklich dämonisch ist. Etwas, um das sich aber erst später gekümmert werden musste. Jetzt ging es darum einen Krieg in der Unterwelt zu verhindern.


Kaum, daß wir den Verkaufsraum betreten hatten und die Türe hinter uns geschlossen hatten, nahm Akbash mich zur Seite. Ich solle meine Finger vom Käse lassen. Ich tat überrascht. Tatsächlich aber hatte ich extra einen Beutel eingesteckt, um mir ein paar Hartkäse einzustecken. Nun, sei's drum. Dann würde ich halt beim Rausgehen mir etwas für das leibliche Wohl einzustecken.


Aber zunächst ging es in den Keller. Die Falltüre war nicht gesichert. Im Keller war es kühl, offensichtlich hat Hartzer in Kühlsteine investiert. Schwerer, aromatischer Geruch verschiedener Käse strömte uns entgegen. Im Keller konnten wir lange Reihen mit Käsen, Fässer und auch einen Schreibtisch erkennen. Schnell und leise teilten wir uns auf.


Da ich ein wenig von Buchhaltung verstehe (endlich weiß ich wozu wir auf der Akademie damit gequält wurden) widmete ich mich der Korrespondenz auf dem Schreibtisch. Den Käse aus dem Imperium erhält Hartzer exklusiv über die Hanse. Dabei bekommt er sehr gute Konditionen, somit hat er eine sehr gute Gewinnspanne. Mir kam sofort die Frage, warum ist der Käse so billig? Steckte etwa die Hanse hinter dem Angriff auf die Unterwelt?


Sonst fand sich überall in den Regalen und Fässern nur Käse. In den Regalen waren auch Fächer für Stammkunden. Dort sind auch Fächer für Joachim und Eberhardt, inklusive Anmerkungen zu ihren Lieblingskäsen.


Entspannen konnten wir uns aber nicht. Am Ende des Keller war etwas. Da wir aber Licht bei uns hatten und noch kein Alarm kam, näherten wir uns vorsichtig. Beim Näherkommen erkannten wir die Statue einer Frau, angerichtet wie auf einem Altar. Irritierend war dabei, daß die Statue aus Käse geschnitzt war. Aurelias entgeistertem Kommentar nach handelte es sich bei der Frau um die verstorbene Gattin des Helmut Hartzer.


Akbash nähert sich vorsichtig fasziniert der Statue. Als er plötzlich eine Stimme von der Statue vernimmt. Diese fragt ob der Käse geschmeckt hat. Akbash versucht mit verstellter Stimme ein Gespräch zu beginnen. Aber offensichtlich scheint ihm die Stimme nicht zu glauben. Ich konnte mir nicht helfen. Die Stimmer kam mir vage bekannt vor. Es sollte mich überraschen wem die Stimme gehört.


Während ich noch grübelte, untersuchten Akbash und Aurelia die Statue näher. Hinter der Statue fanden sie ein Öffnung, die zu einem Gang führte. Und am Ende des Gange verschwand gerade eine Gestalt. Das riß uns aus der Lethargie. Schnell machten wir uns auf, die Verfolgung zu übernehmen. Bevor ich aber losstürmte, versuchte ich es mit dem Betäubungszauber. Aber es ist mir nicht vergönnt mit meinem magischen Talent zu glänzen. Die Gestalt schüttelte den Zauber ab.


Auch Aurelia schaffte es nicht die Gestalt mit Worten zum Aufgeben zu überreden. Daher machte sich Akbash sogleich zur Verfolgung auf. Er hatte zwar erst im Gang einige Probleme bei der Verfolgung, kann sich aber schnell berappeln. Die Gestalt war nicht so schnell, wie gedacht. Akbash konnte sie einholen und zu Fall bringen. Schnell waren auch Aurelia und ich bei Akbash. Jetzt erkannte ich auch die Gestalt. Es war die Schmutzige Aennie, die beste Betrügerin der Ratten.


Die Befragung durch Akbash und Aurelia brachte uns keine Informationen. Um nicht erkannt zu werden hielt ich mich zunächst zurück. Doch dann blieb uns wenig anderes übrig. Ich wollte mit einem Zauber ihre Gedanken lesen. Erst drohte ich ihr mit meinem Imperiumsakzent und tiefer Stimme. Denn der Zauber war nicht angenehm für das Ziel. Es halft nichts uns so setzte ich meine magischen Fähigkeiten ein. Dummerweise suchte in Gedanken nach der falschen Antwort. Denn wer gibt der Aennie Aufträge – natürlich die Rattenmutter,


Akbash versuchte es dann mit einer Art Guter Inquisitor, böser Inquisitor. Aber vielleicht hätte er die gute Rolle ohne Schütteln und Ohrfeigen beginnen sollen? So wollte ich ein zweites Mal versuchen in die Gedanken von Aennie einzudringen. Dieses mal war sie nicht mehr so hart unter ihrer Schmutzschicht. Sie wimmerte leicht, als ich ihre Gedanken nach einer Antwort durchdrang. Einen Augenblick fühlte ich mich schlecht, ich hätte vorsichtiger sein können, dann wäre es weniger schmerzhaft, als nur unangenehm gewesen. Aber sei's drum wir bekamen die Antwort, was ihr Auftrag war: Erzähle Hartzer welchen Käse er den Leute zu essen geben soll.


Das brachte uns zwar nicht den Strippenziehern nicht näher, aber brachte uns zumindest einen Schritt weiter. Was klar war, die Hanse würde nicht die Ratten beauftragen. Aber vielleicht ein Mittelsmann. Das würden wir herausfinden müssen.


Ich war mir nicht sicher, wie mit Aennie umgegangen werden sollte. Da Akbash Skrupel zeigte und auch wir nicht auf Blutvergießen aus waren, wurde Aennie gefesselt, geknebelt und auf meinem Wunsch auch die Augen verbunden. Denn nicht nur ich auch Aurelia und Akbash legten wenig Wert drauf erkannt zu werden.


Die nächste Entscheidung, was wir tun wollten, wurde uns abgenommen. Schritte waren im Keller zu hören. Schnell löschten wir das Licht und versteckten uns im Gang. Helmut Hartzer kam, wohl um mit seiner Klara zu sprechen. Da wir uns still verhielten, konnten wir dann sein Schluchzen vernehmen. Mit bebender Stimme bat er darum, daß Klara wieder mit ihm rede solle und ihn nicht wieder verlassen möge. Still und leise zogen wir uns darauf in den Gang zurück, dem anderen Ausgang entgegen.


Der Weg war schlecht ausgebaut, eng und dreckig. Er passte zu den Ratten. So war es auch wenig überraschend, daß der Gang sich in das aktuelle Rattenloch öffnete. Akbash lugte vor, denn zu unserem Unglück fanden sich auch etliche Ratten in der Höhle. Ein Plan musste her, denn sonst gäbe es ein Massaker, vor dem Akbash ob des Alters der Ratten wieder Skrupel hatte. Und nebenbei bemerkt, wäre es nicht sicher, ob wir nicht auch mit mehr als nur Blessuren davon kommen würden.


Daher griff ich auf die Kraftreserven von Tante Baunz zurück, um eine Illusion zu schaffen. Ich versuchte mich an ein Tier zu erinnern, welches auch wirklich in den Tunneln anzutreffen wäre. Zum Glück konnte ich mit dem Reisenankeck ein passendes Monster memorieren. Ich ließ es aus unserm Tunnel erscheinen. Sofort kam Bewegung in die Ratten. Panik brach aus und es gab ein großes Hin- und Hergerenne.


Akbahs nutzte die Situation und stellte sich ins Innere der Illusion. So konnte er eine Klappe in der Decke erkennen, sicher ein Ausgang. Das deutete er uns an. Jetzt mussten wir es nur bis dorthin schaffen.


Doch dann gefror mir fast das Blut in den Adern. Ich hörte die hohe Stimme der Rattenmutter. Das süße Flüstern mit dem sie den Kriecher im Unrat anrief. Mit standen sofort alle Haare zu Berge. Im Hinterkopf spürte ich den Ruf Lauscher Poohs, mehr als daß ich ihn hörte. Doch zeigte die Lockung keine weitere Wirkung auf mich. Aber auf die panischen Gangmitglieder hatte die Anrufung die wohl gewünschte, andere Wirkung.


Sie wandten sich gegen den Riesenankeck. Die Mutter der Ratten war wohl eine bessere Zauberin als ich. Die Ratten strömten wieder herbei und griffen die Illusion wird an. Auch wenn die Ratten nicht unbedingt die hellsten Fackeln im Verließ waren, es war nur eine Frage der Zeit bis die Illusion gebrochen war.


Akbash nutzt die Situation und trat unter die Falltüre. Dabei schlug er eine Ratte mit einem gezielten Schlag bewußtlos. Aurlia und ich ließen die wütend knurrende Aennie liegen. So waren wir schneller bei Akbash. Ich war immer noch von der Wirkung der Stimme der Rattenmutter erschüttert. Daher nutze ich die Gelegenheit und kletterte mit Akbash Hilfe zur Falltüre. Aurelia folgte mir hintendrein. Gemeinsam zogen wir dann Akbash zu uns. Wir waren aus der Rattenhöhle geflohen, ohne erkannt zu werden, ohne Opfer zu hinterlassen und ohne Verluste, außer vielleicht unserem Stolz. Denn schließlich waren wir vor einer Bande Kinder geflohen. Gefährliche Wahnsinnige, aber immer noch Kinder.


Als wir uns umsahen, konnten wir erkennen – wir waren im Hinterhof der Apotheke von Poidker „Pillendrehers Kräuterkunde“. Dem Ort, wie ich dann von Aurelia und Akbash erfuhr, an dem ein Pilzdämon im Keller gefangen war. Ein Umstand der mich sonst munter gemacht hätte. Aber jetzt wollte ich nur schnell weg von hier. Zurück in den Drachen. Mich unter meiner Decke verkriechen und hoffen, daß die Rattenmutter mich nicht erspührt hat.


Zum Glück teilten die Anderen meinen Wunsch, wenn auch wohl eher um einige alkoholische Getränke zu sich zu nehmen, denn es ging darum, was wir als nächstes tun wollten. Ich lief in Gedanken nebenher. Nichtsdestotrotz konnte ich mich ein wenig am Gespräch beteiligen. Nach allem hin und her wollten wir die Alleshändlerin überwachen. Sie war die Einzige ohne Symptome. Nebenbei bemerkte ich, daß mein Zimmer einen direkten Blick auf ihren Laden hat. So war schnell klar, daß wir abwechselnd ein Auge auf sie haben konnten.


Zu meinem Glück wollten wir erst mit dem Sonnenaufgang die Überwachung starten. So konnte ich nicht nur schnell alle meine Notizen zusammensammeln, denn diese lagen gemeinsam mit meinen neu erworbenen Büchern wild im Zimmer verteilt. Auch konnte ich mich so aus den schmutzigen Kleidungsstücken schälen, den gröbsten Schmutz abwaschen und ein frisches Hemd sowie Hosen anziehen. Dann fiel ich wie ein Stein auf das Bett und schlief sofort ein. Am Morgen erwachte ich aus meinem traumlosen Schlaf, als Aurelia mir einen dampfenden Mokka reichte, während Akbash bereits als Beobachtungsposten auf dem Fensterbrett saß. Ich fand noch nicht einmal etwas dabei, daß sie sich Zugang in mein Zimmer verschafft hatten.


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Während ich diese Zeilen geschrieben habe sind mindestens zehn unterschiedliche Personen in den Laden gegangen – und auch wiedergekommen. Immer zufriedener als vorher. Offensichtlich trägt die Alleshändlerin ihren Namen zurecht. Zum Glück ist meine Wache bald vorbei, denn ohne das Schreiben ist die Aufgabe doch sehr öde.


Aber was ist das? Eine Gruppe Gossenzwerge, na das ist ein Publikum, was ich nicht bei der Alleshändlerin erwartet hätte, jedenfalls nicht vor dem Sonnenuntergang. Aber auch sie verlassen den Laden mit zufriedenen Gesi... – Schreie?


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Wieder hat sich ein Tag anders entwickelt. Kaum daß ich die Schreie gehört habe, schickte ich Tante Baunz zu den beiden Anderen. Dann nutzte ich mein eigentlich zur schnellen Flucht gedachtes, schon am Bett verknotetes Seil, um mich aus dem Fenster schnell auf die Straße herab zu lassen. Natürlich nicht, ohne mir vorher meinen Waffengurt zu greifen.


Im Innern des Ladens erwartete mich eine Überraschung. Wenn sie auch angesichts der Ereignisse der letzten Tage nicht mehr so außergewöhnlich war. Der Alleshändlerin wuchsen ihre Fuß- und Fingernägel in rasantem Tempo. Da mir nichts besseres Einfiel, nahm ich meine Axt und schlug ihr die Nägel immer wieder solange ab, bis der Zauber seine Wirkung verlor. Was recht rasch geschah. Wofür ich ehrlich dankbar war, denn begann schon mein Arm zu erlahmen. Wenn auch andererseits Aurelie und Akbash kurz nach mir den Laden erreichten. Aurelia gab auch gleich Anweisungen, was zu tun war, um die Alleshändlerin wird wieder aufzupäppeln. Wozu doch ein warmes Ale mit Honig alles gut sein kann. Zumindest konnte es die bleiche und zitternde Alleshändlerin beruhigen.


Als ich mich derweil im Laden umsah, fand ich auf der Theke einige eingeschlagene Edelsteine. Dem Wachstuch, mit dem sie eingewickelt waren, haftete noch ein schimmeliger Geruch an. Das war wohl auch der Träger des Zaubers, denn wie ich mich erinnerte – und durch meine Notizen bestätigte – alle Käse beim Bankett waren Schimmelkäse. Was mich wieder nur bestärkte diesen Ausgeburten der Gammeligkeit zu entsagen und wenn, dann nur noch Hartkäse zu essen.


Für Aurelia und Akbash war darauf der mögliche Ursprung zumindest eingegrenzt. So begaben wir uns in Poidkers Keller. Wieder zurück in die Nähe des Rattenlochs, das aber mittlerweile verlassen sein würde. Die Ratten blieben nie lange an einem Ort und hatten viele Höhlen und Unterschlüpfe in der Stadt. Bei meinen Streifzügen muss ich jetzt wohl wieder vorsichtiger sein.


Die Wachen von Haus Meseidon bereiteten und kein Hindernis. Sie ließen uns durch, als sie Aurelia und Akbash erkannten. So hatten wir freien Zugang in den Keller. Hier kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich hatte eine Alchemistenwerkstatt erwartet, aber nicht, solch eine. Neben den unvermeidlichen Utensilien gab es ein Becken mit Zitteraalen, deren Kräfte gebündelt wurden, um einen Gallert gefangen zu halten. Doch dies war harmlos im Vergleich zu dem riesigen Schimmelpilzdämon, der mittlerweile seinen gesamten Bannkreis ausfüllte. Leider hatte ich kaum Zeit die Notizen von Joachim zu studieren. Es galt nach Rattenlöchern zu suchen. Denn für uns stand fest, die Käse waren durch den Pilzdämon vergiftet worden.


Im Keller selbst fanden wir keine Zugänge. Als wir aber nochmals in der Rattenhöhle die Gänge inspizierten, fanden wir einen Gang unter dem Labor hindurch. Dorthin hatte es der Dämon geschafft, einige Pilzgeflechte wachsen zu lassen. Der Bannkreis musste folglich erweitert werden. Hierfür war aber die Arbeit eines erfahrenen Beschwörers notwendig. Das wäre Aufgabe des Rats.


Bei Ansicht der Gänge stellte sich die Frage, wer grub die Gänge? Die Ratten selbst, so wusste ich, taten dies nicht wirklich. Höchstens erweiterten sie einen Gang oder gruben einen neuen Zugang. Die Rattenmutter hatte die Gänge immer als Werk der Großen Ratte – Lauscher Phoo, dem Kriecher im Unrat – bezeichnet. Die Ratten waren damit zufrieden. Aber vielleicht war dies auch das Werk der Gossenzwerge. Nicht durch Stein, aber durch Schlamm zu wühlen soll ihre Art sein. Dem Leichten den Vorzug geben. Daher war die Frage, wer hinter dem Anschlag stecken könnte, aber noch nicht beantwortet. Wohl die Gossenzwerge, aber mit welchem Hintersinn?


So oder so hatten wir aber eine Lösung, die dem Dicken Mann präsentiert werden konnte. Wir einigten uns darauf, ihm zu erzählen, daß die Ratten den Käse kontaminiert hatten, als sie den Käse stehlen wollten. Diese Erklärung stellte alle zufrieden. Auch wenn es sicher nicht die ganze Wahrheit war. Aber zumindest würde es einen Krieg in der Unterwelt und ein Massaker an Ratten oder Gossenzwergen verhindern. Als Dank erhielt die Gesellschaft einen Gefallen vom Dicken Mann. Eine Killerin, die „Blutkrabbe“, welche wohl auf die Gesellschaft angesetzt ist, würde zurückgezogen. Ich fand es ein wenig enttäuschend, aber Aurelia und Abkbash waren zufrieden.


Nach dieser kleinen Aventurie werde ich auf jeden Fall eine Fastenperiode einlegen. Nicht nur wegen des schimmeligen Käses, dem ich auf längere Zeit entsage. Ich werde auch mein Verlangen nach kandierten Früchten zügeln. Stattdessen nehme ich ein Trainingsprogramm auf. Laufen, Klettern, Springen und vielleicht auch Schwimmen, wenn es hier irgendwo sicher ist. Ringen mit Krokodilen oder Riesenaalen soll jedenfalls nicht auf dem Programm stehen. Und auch meine Studien werde ich weiter treiben. Vielleicht kann mir der Buchhändler tatsächlich einige Spruchrollen besorgen. Ich denke der Spruch Verschleierung sollte mir gute Dienste leisten, vor allem wenn die Ratten ein neues Revier abstecken.


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Die Aventurie mit dem Käsedämon läßt uns nicht los. Gerade eben habe ich mit Aurelia und Akbash gegessen. Und was mussten wir in der Füllung unseres Hähnchens finden? Eine Botschaft! Ein Zettel mit nur einem Satz: Redet mit dem Dicken Händler, Emilie Dreckbart. stecken doch die Gossenzwerge hinter allem? Oder sind auch sie nur Schachfiguren? Oder steck doch noch eine ganz andere Gruppe hinter den Ereignissen? Port Grimm fasziniert mich immer mehr.

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