Tagebuch von Motte - Chaostage in den Unterwelt
Ich bin ein wenig aufgeregt. Ich treffe mich mit Aurelia Güldenstern und Akbash. Es geht wohl um eine Nachtglanzangelegenheit. UND SIE WOLLEN MICH DABEI HABEN! Ich könnte vor Stolz platzen! Mit zwei so erfahrenen Helden auf eine Aventurie ziehen. Vielleicht werde ich langsam wirklich Teil der Geschichten und in zwanzig Jahren lesen Novizen über mich.
Ich hoffe ich bin nicht einfach nur ihre Wahl, weil sonst niemand vor Ort ist. Die beiden anderen Gründer sind noch in Haeven, Juri ist zu den Treibguthexen aufgebrochen und die anderen Gefährten sind eher rustikal, nicht so für die Heimlichkeit geeignet. Aber ich will nicht trödeln und werde dann später weiter schreiben.
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Bevor ich gleich zum Friedhof aufbreche, will ich schnell noch ein paar Zeilen auf Papier bringen. Meine Wangen sind noch gerötet. Mehr von der Aufregung, als vom Würzwein. Ich war so nervös, ich habe wohl ein wenig zu viel geredet. Immerhin habe ich mich nicht blamiert, hoffe ich.
Schon bei meinem Gang in den Schankraum, wäre ich beinahe auf der Treppe gestolpert. Tante Baunz krallte sich erschreckt in meiner Schulter fest. Tante Baunz war dann auch das erste Gesprächsthema, erkannten Akbash und Aurlia Tante Baunz doch als Juris Familiar. Hier merkte ich das erste Mal, dass ich vor Aufregung plapperte. Es schien sie zu amüsieren. Vor allem mein Schrecken, als Akbash fragte ob Juri mich durch den Affen sehen könnte, also sei's drum. Wobei ich wirklich etwas besorgt bin, ob Juri mich beobachtet, wenn Tante Baunz bei mir ist. Ich werde das beobachten. Schließlich gibt es Dinge, bei denen ich nicht beobachtet werden möchte. Nicht nur, weil es mir peinlich wäre. Aber ich will nicht auch noch anfangen hier im Tagebuch zu plappern.
Aurelia berichtete, die Unterwelt würde sich treffen. Sie hatte Gerüchte gehört, der Fette Mann und der Abfallkönig würden etwas planen. Solch ein Treffen findet nicht alle Tage statt. Daher wollten Akbash und Aurelia dem Treffen beiwohnen, auch wenn sie nicht eingeladen sind. Wer weiß worum es geht. Sicher ist, die Piratenschiffe sind bis auf den Flutdämon abgezogen. Der Flutdämon ist ein seltsames Schiff. Die Besatzung scheint guten Kontakt zur Hanse haben.
Ich bekam nasse Hände und rutschte wohl auch ein wenig nervös auf meinem Stuhl herum. Bei solch einer wichtigen Mission sollte ich mich beweisen. Beinahe wäre ich sofort losgestürmt, um mich in meine unauffällige Kleidung zu werfen. Doch die beiden Helden beruhigten mich. Erst sollten Informationen eingeholt werden. Und so werde ich mich zum Friedhof aufmachen, Aurelia wird sich im Westufer umhören und Akbash will sich Seidenkätzchen Informationen einholen, was ihm von Aurelia die Mahnung beibrachte, dass er sich wirklich nur umhören solle. Aber ich muss mich sputen. In drei Stunden wollen wir uns wieder im Schankraum treffen.
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Nun geht es los. Ich habe meine unauffällige Kleidung angezogen. Meine Arbeitsmaterialien sicher verstaut und den Sitz meiner Dolche doppelt überprüft. Der Gurt soll sich mir nicht nochmals im Kampf einfach lösen!
Auf dem Friedhof konnte ich erfahren Mel'cum Scorn. ein Verwanter der Prätroin von Totholz, wird heute Abend im Kraken und Rum sein. Seine Leute stellen wohl die Wache. Sie haben auf dem Friedhof Talismane beosrgt. Auch Akbash hat was erfahren. Nisk Tander – von dem ich auch schon einige Tinkturen und Tränke erstanden haben – wäre auch dort. Die Wache würde wohl von den Leuten des Abfallkönig unterstützt. Das hat Aurelia herausgefunden. Es würde also etwas Großes.
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Was für seltsame Ereignisse mussten wir erleben. Noch immer kratzt mein Hals, trotz der Salbeimilch mit Honig. Aber immerhin muss ich nicht mehr dauernd auf den Abort. Auch weht eine leichte Brise durch mein Zimmer, die den Rauchgeruch aus meinen Kleidern vertreibt, damit ich nicht mehr rieche, wie ein Dunkelwaldschinken. Aber der Reihe nach.
Wir wollten die Zusammenkunft belauschen. Schließlich ist es wichtig zu wissen, was vor sich geht, vor allem bei den heimlichen Herrschern der Stadt. Also ging es los zum Westufer. Die vielen halbverfallenen und nach dem Angriff der Steinriesen noch nicht wieder aufgebauten Häuser sollten uns helfen. Doch war ich auch mit den Helden von Port Grimm unterwegs, so dass wir auf der Hut waren, nicht entdeckt zu werden.
Bevor wir uns Zugang verschaffen wollten. Sollte die Gegend aber nochmals ausbaldowert werden. Und wie vermutet, nicht nur um den Versammlungsort auch auf dem Dach des Kraken und Rum waren Wachen postiert. Es wird nicht einfach, war mein Gedanke. Also berieten wir, was zu tun wäre.
Klar war, das Dach bietet uns den besten und unauffälligsten Zugang. Für die Wachen sollte eine Ablenkung her. Hier zeigte sich, dass wäre mein Metier. Eine Illusion wäre möglich, aber vielleicht auch zu unsicher. Würde sie durchschaut, wäre schnell Alarm gegeben. Stattdessen wollten wir Tante Baunz mit einigen Goldstücken schicken, um die Wache abzulenken. Doch mussten wir zunächst auf das Dach des angrenzenden Gebäudes.
Dazu wollten wir durch das Palmwedel, eine Spelunke in der Nähe, um von Dach zu Dach zu kommen. Leider wurde Aurelia erkannt. Eigentlich ein Wunder, dass die Beiden nicht überall sofort erkannt wurden. Aber so blieb sie zurück, während Akbash und ich schnell die Treppe zum Dach nahmen. Auf dem Dach konnten wir Aurelia sehen. Sie machte uns Zeichen. Sie würde die Wachen am Boden ablenken. Das würde uns den Weg aufs Dach erleichtern. Und auch die Ablenkung durch Tante Baunz klappte. Die Wache auf dem Dach folgte dem Affen mit den Goldstücken.
Nun war es an uns. Akbash setzt zum Sprung an. Und wie ein Panther absolvierte er mit Eleganz und beinahe lautlos seinen Sprung auf das andere Dach. Ich hatte bereits bei unserer ersten Begegnung sein Charisma und seine Virilität bemerkt. Aber jetzt, gemeinsam mit ihm auf dem Dach, bereit zum Sprung mit der Gefahr der Entdeckung. Ich fühlte mich seltsam erregt. Ich spürte ein Kribbeln und bekam Gänsehaut auf den Armen, ich meinte sogar, meine Hände waren leicht feucht vor Aufregung.
Und ich glaube, genau diese Aufregung war es auch, die mich die Entfernung falsch einschätzen lies. Ich nahm Maß, sprang und landete einen Fingerbreit zu knapp an der Kante. Zum Glück konnte ich mich fangen. Aber ich musste mich sodann flach auf das Dach fallen lassen, was ein unschönes lautes Geräusch verursachte. Da habe ich mir geschworen, wieder mit meinem Trainingsprogramm anzufangen. Sobald wir diese Aventurie hinter uns gebracht haben!
Aufgrund meines Ungeschick mussten wir uns jetzt zunächst aber um die Wache kümmern, welche ob des Geräuschs sich in unsere Richtung auf machte. Was aber für Akbash kein Problem darstellte. Ein überraschender Schlage mit dem Dolchknauf und die Wache fiel in meine Arme. Kurz drauf war sie gefesselt und geknebelt. Dann konnten wir uns ins Innere wagen und das Treffen belauschen.
Akbash legte sich an der Balustrade zum Schankraum auf die Lauer. Ich selbst machte es mit in einem verfallenen Nebenraum bequem und nutzte die Sinne von Tante Baunz. Nach meinem Fauxpaz mit dem Sprung, fand ich das sicherer.
In dem Schankraum hatte sich die Elite der Unterwelt von Port Grimm versammelt. Zur Feier des Tages war ein großes Büfett aufgebaut. Besonders die Käseauswahl war gewaltig – und erstaunlich. Einige der Anwesenden kannte ich noch aus meiner Zeit bei den Ratten, von den anderen erfuhr ich dann durch Aurelia und Akbash ihr Namen und bevorzugten Gebiete.
Die ersten Gespräche drehten sich um die Gossenzwerge. Diese werden wohl eine Konkurrenz für den Abfallkönig. Außerdem scheinen sie über Geld zu verfügen, denn sie rüsten sich mit Waffen und Ausrüstung auf. Das wäre nur halb so interessant, wenn nicht der Name Eberhard Brettschneider gefallen wäre. Ihm wird die Schuld gegeben für das plötzliche Erstarken der Zwerge.
Aber auch, dass die Hanse in letzter Zeit Probleme bereiten würde war ein Thema.
Bevor dieses Thema vertieft wurden, meldete sich Mel'cuum Scorne zu Wort. Die Stickereien auf seiner Kleidung hätten es uns schon zeigen können, aber jetzt wurde es offensichtlich: Er ist ein Geweihter, denn er sprach einen Segen Besmeras. Die Präsens war deutlich zu spüren. Es stellte sich mir die Nackenhaare auf – oder vielmehr spürte ich, wie sich die Nackenhaare bei Tante Baunz aufstellten. Zu unserem Glück wurde unsere Anwesenheit nicht offenbar. Seltsam sind die Wege der Göttlichen.
Die eigentliche Zusammenkunft wurde dann aber zum Problem mit der Hanse geführt. Das Gezeitenkonsortium ist offensichtlich nicht erfreut über die Hanse. Einzig die Besatzung des Flutdämons scheint gute Geschäfte mit Sklaven für die Hanse zu machen. Die Besatzung scheint mindestens mit Kataslaan, den Töchtern Isandras in Verbindung zu stehen, wenn nicht sogar selbst aus ihnen zu bestehen. Von den Töchtern Isandras hatte ich schon gehört. Dass sie nicht nur ein Schreckgespenst für Kinder sind, hatte ich geahnt. Sie aber so nah zu wissen beunruhigte mich. Ich hatte Juri einmal davon erzählen gehört, sie scheinen die Antagonistinnen der Treibguthexen zu sein – schwarze Magie bis ins Mark. Leider hatte Juri mir nicht mehr erzählen wollen. Aber vielleicht löst die neue Entwicklung ihr die Zunge.
Dann lies uns das weitere Gespräch aufhorchen. Das Problem der Unterwelt mit der Hanse sollte externalisiert werden: die Gesellschaft – also wir, wenn ich mich so dreist dazu zählen will – soll das Problem übernehmen. Wie Scorn erwähnte, hat unsere Tat in Totholz nicht nur der Hanse ordentlich Malesse bereitet, wie ich befriedigend hörte. Es scheint auch das Ansehen der Gesellschaft – trotz den Vorbehalten wegen Eberhart Brettschneiders Nähe zu den Gossenzwergen - bei einigen der honorigen Frauen und Männern gesteigert zu haben.
Bevor weiter Beraten werden sollte, wie das Problem angegangen wird, wollte Scorn kurz einen weltlichen Gang erledigen. Das war der Zeitpunkt an dem die Chaosgötter einen wahren Sturm des Irrsinns über die Versammlung hereinbrechen ließen. Von dem Klo kamen plötzlich erbärmliche Schreie. Was einige Schergen in Bewegung setzte. Sogar einige der Wachen vor dem Haus stürmten ins Innere. Eine Chance, die Aurelia sofort nutzte, um ins Haus zu gelangen. Ich zog mich wieder in meinen Körper zurück, konnte doch schnelles Handeln erforderlich sein. Akbash bewegte sich zum Klo. Um zu linsen, was dort geschieht.
Ich erfuhr es kurz darauf, Scorn begann Büschel an Haaren auszuscheißen. Als Akbash mit dieser Nachricht zu mir zurückkam, hatte ich jedoch bereits weitere verstörende Szenen gesehen. Einauge Lenny begann sich zu übergeben. Was nicht besonders wäre, hätte sie nicht lebende Maden erbrochen. Doch wurde es noch seltsamer, als Grovis anfängt Feuer zu rülpsen und Nik Tander blähte sich immer mehr auf. Das Chaos wurde perfekt, als Grovis Aufstoßen dazu führte, dass das Haus Feuer fing.
Das war für uns das Zeichen. Wir mussten eingreifen, wollten wir nicht Port Grimms Unterwelt mit einem Schlag vernichtet sehen. Akbash sprang die verrottete Treppe hinunter. Er schnappte sich Einauge Lenny, die sich mittlerweile auf dem Boden krümmte und nahm noch einen Beweiskäse mit, denn irgendwie stank uns die Sache gewaltig. Als er nach draußen trat nutzte er auch noch die Gelegenheit und trat gezielt eine große Weinkaraffe um, was einen Teil des Feuers löschte.
Ich selbst handelte fast instinktiv. Auf der Akademie gab es einen Notfallplan bei magischen Problemen und Vergiftungen. Hiernach handelte ich umgehend. Nik Tander punktierte ich mit Hilfe des Dorns eines Kerzenhalters und steckte hernach einen Strohalm in die Wunde, um die Gase abzulassen. Dann schnappte ich einen glühenden Schürhaken mit dem ich Mel'Coon die Haare verdorrte. Sicher werde ich den Anblick für lange Zeit nicht aus den Gedanken kriegen. Auch jetzt spüre ich ein leichtes Unwohlsein, wenn ich daran denke. Letztlich nahm ich die Blumenvase vom Tisch und flößte das Wasser Grovis ein. Ein Scherge begriff zum Glück, dass er viel trinken musste und flößte ihm weitere Flüssigkeit ein. So konnte ich Tante Baunz einen Gedanken senden und er schnappte sich ein weiteres Stück Käse auf dem Weg nach Draußen.
Auch Aurelia begann damit die Schergen anzubrüllen, damit sie ihr dreckigen Ärsche in Bewegung setzten und nicht ihre Sackhaare ansengen lassen sollen, wie sie sich ausdrückte. Und ich muss gestehen, das war nur der harmloseste Ausspruch, welchen ich der Nachwelt erhalten wollte. Das machte Eindruck – und so brachten sie die Schwergen dazu Grovis, Scoorn und Nik zu retten. Derweil war Akbash schon wieder zurück und schnappte sich schnell die vor Schreck erstarrte Alleshändlerin.
Ich nahm mir ein Beispiel an Aurelia – nicht das letzte denke ich – und brüllte einige Schergen an. Doch nutzte ich weniger drastische Worte, aber mit nicht weniger Erfolg. Die wie Schafe vor dem Kraken und Rum stehenden Wachen setzten sich in Bewegung. Einige liefen und holten Wasser, andere halfen auch die Letzten retten. Gemeinsam mit allerlei Schaulustigen und einer schnell organisierten Eimerkette – erstaunlicherweise organisierte sich diese praktisch von selbst – wurde das Feuer schnell gelöscht. Schlagartig kam mir ein Gedanke, der es mir eiskalt den Rücken hinunterlaufen lies. Es war ja auch noch ein Gefesselter auf dem Dach! Aber auch dieser wurde gerettet, denn das Feuer konnte nur den Schankraum angreifen.
Als wir noch dabei waren, uns zu sortieren, nahm uns Digger Jones beiseite. Er wollte uns am nächsten Tag im Futtersack treffen. Offensichtlich war unsere ungebetene Anwesenheit jetzt weniger ein Problem, als eine Option. Ein Glück für uns, denn schließlich hätte uns auch vorgeworfen werden können, wir hätten mit den Ereignissen zu tun. Eingedenk dessen, nahmen wir dann die Beine in die Hand und machten uns in Richtung des Haus der Gesellschaft auf.
Hier begannen Aurelia und ich noch in der Nacht mit der Untersuchung der Käsestücke. Wir hatten ein Stück „Karlfranz Hartkäse“ und den blauweiß marmorierten „Marienburger Weichkäse“ sichergestellt. Mit Hilfe des Labors konnten wir feststellen, dass beide nicht vergiftet waren. Aurelia verwunderte das nicht. Sie meinte es wäre schwer Käse zu vergiften. Die Pause, die sie dabei macht, lies mich vermuten, sie hatte es schon mal versucht. Ich fragt lieber nicht nach. Damit bliebt nur eine magische Beeinflussung, vielleicht auch ein Fluch? Wir konnten nur spekulieren, da ebenfalls keine magische Spuren zu finden waren. Doch bin ich auch nicht wirklich bewandert in den arkanen Künsten der Thaumaturgie, die hier notwendig wären.
Nach der ganzen Aufregung spürte ich dann auch noch ein entsetzliches Ziehen im Bauch. Ich hatte seitdem wir uns am Morgen getroffen hatten, nichts wieder gegessen. Vor lauter Aufregung hatte ich es schlicht vergessen. So konnte ich nicht widerstehen und nahm einen großen Bissen vom Marienburger. Das brachte mir nicht nur einen scheelen Blick von Akbash, sondern auch noch eine schlimme Nacht ein. Nicht nur musste ich mehrfach mein Quartier verlassen, um mich zu erleichtern. Das schlimmste war, dass der Käse fürchterlich schmeckte. Genautogut hätte ich meine Seife essen können. Wobei diese immerhin angenehm nach Lavendel geschmeckt hätte. Zu allem Überfluss kratzte mein Hals auch von dem Rauch und wenn ich nicht nach dem Abort rannte hustete ich mir fasst die Lunge aus dem Leib. Aber jetzt will ich schließen, denn wir haben uns im Hafen verabredet. Der Fette Mann wartet.
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