Tagebuch von Motte - Intermezzo in Prot Grim
Ich sitze im Vorderkastell. Von hier aus kann ich sicher schon bald Port Grimm sehen. Es fühlt sich noch etwas komisch an, wie der Wind über meinen kahlen Kopf fährt, aber nicht unangenehm. Nachdem ich angefangen hatte mir die Haar mit meinem Dolch abzusäbeln, hat sich ein Matrose erbarmt und mir den Kopf rasiert. Von meinen Gefährten konnte ich es ja nicht erwarten. Keine von ihnen rasiert sich, schon gar nicht Hartmuht, auch wenn ich zu ihm und Juri sicher das vertrauensvollste Verhältnis habe.
Mit Juri habe ich auch auf der Fahrt begonnen in dem Buch zu lesen. Juri ist ein wenig übervorsichtig. Und kann ich es ihr verdenken? Sie hat mehr Erfahrungen gemacht, wie das Studium auf die Skrang gewirkt hat. Aber ist ihre Vorsicht auch gerechtfertigt? Vielleicht ist es auch die Furcht der Seehexen vor der akademischen Art mit Magie umzugehen? Aber ich will nicht überheblich sein. Immerhin konnten wir herausfinden, dass neben den Lobpreisungen, Gebeten und Ritualen terranische Runen im Buch zu finden sind. Ich mag die Hoffnung noch nicht aufgeben, aber in Port Grimm wird es wohl weder eine geeignete Bibliothek, noch kompetente Gelehrte geben, die hier weiterhelfen könnten.
Als ich die hypothetischen Möglichkeiten diskutieren wollte, welche Möglichkeiten wir noch haben, hat Juri jedenfalls beinahe einen Tobsuchtsanfall bekommen. Als ob ich Interesse hätte die Anrufungen auszuprobieren. Wenn das Buch bereits auf einen Blinden (!) solche Auswirkungen hatte, wie muss es dann erst bei uns wirken, die wir Bilder und Runen sehen können? Zumal wir sicher empfänglicher für die mit zwergischer Zauberei durchsetzte Runenmagie sind, als die Skrang. Und welches interessante Wissen kann schon in der Gier liegen. Raffen, raffen, raffen – Mehr um des Mehr willens. Das mag für die sich abrackernden Droska-Gläubigen oder Krämerseelen der Hanse die Erfüllung sein, mir scheint es die Langeweile pur.
Aber jetzt kommt tatsächlich schon Port Grimm in Sicht. Ich bin gespannt, wie die Stadt sich mir darbietet. Jetzt mit genug Geld für eine Unterkunft. Haben Juri, Hartmuht und ich doch mehr oder weniger beschlossen alle im Rostigen Drachen Quartier zu nehmen. Ich freue mich schon auf einen großen Teller mit Fischkerry und ein frisches Ale und eine Platte mit Kuchen oder kandierten Früchten – am Besten beidem.
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Das Leben ist herrlich. Der Rostige Drachen ist wirklich eine großartige Unterkunft. Das Gold in meiner Tasche tut ein übriges. Seit ich mich dieser Aventurie angeschlossen habe, ging es mir von Tag zu Tag besser. Und heute bin ich aufgewacht, ohne daß ich einen Albtraum oder nur einen schlechten Traum erlebt habe. Gegen das noch auf der Rückfahrt nagende Gefühl der Gier hat es offensichtlich geholfen, am ersten Tag in der Stadt bereits ein wenig zu prassen.
Als wir im Rostigen Drachen Quartier nahmen, habe ich meine Gefährten zum Essen eingeladen. Auch eine Runde Ale habe ich spendiert. Eine Platte mit Kuchen und kandierten Früchten konnte ich auch bestellen. Aber dann ich war so voll von dem Fischkerry, daß ich die Spezereien für später, nach weiterem Ale und einem gestreckten Mokka mit Rum und einer Sahnehaube, mit beschwingten Kopf und glühenden Wangen unter Mühe, aber ohne Verluste, in mein Zimmer mitgenommen habe. Dort war auch schon ein Bad bereitet, für das ich weitere Münzen geopfert habe.
Endlich konnte ich also baden – mit heißem Wasser und Seife. Erst jetzt konnte ich sehen, wo ich überall blaue Flecken und kleine Wunden habe, auch wenn die Blessuren schon fasst wieder verschwunden sind. Leider war der Zuber, der mir ins Zimmer gestellt wurde, etwas klein. So musste ich die Beine heraushängen lassen, wollte ich bis zu den Schultern untertauchen. Immerhin bin ich nicht mit dem ganzen Bad umgekippt. Beinahe wäre es passiert, als ich nach einer kandierten Frucht greifen wollte. Aber ich konnte mich gerade noch fangen. Das hätte sicher ein Hallo gegeben, wenn das Wasser durch das Zimmer und dann die Treppe hinunter geflossen wäre. So aber liege ich jetzt entspannt auf dem Bett und freue mich schon auf Morgen. Erst werde ich mich einkleiden und dann mit den Gefährten Akbash aufsuchen.
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Ich bin etwas aufgeregt, vielleicht auch ängstlich. Gleich werde ich mich mit Juri und Hartmuut im Schankraum treffen. Ich will ihnen mein Vertrauen schenken und ihnen meine Geschichte erzählen. Zumindest so viel, wie ich mich traue, ihnen zu offenbaren. Zuvor will ich aber noch die Ereignisse des gestrigen Tages aufschreiben, der sich so ganz anders entwickelte, als ich es erwartet habe.
Am Morgen bin ich direkt los und habe mich neu eingekleidet. Ich brauchte eine neue Garnitur für die Stadt. Dabei habe ich mich von zwei Ideen leiten lassen, die ich auf der Akademie gelernt habe: passe dich an deine Umgebung an und willst du an anderer Stelle nicht wiedererkannt werden, sei auffällig.
Daher habe ich mir eine Garderobe angeschafft mit der ich mühelos auf jedem Schiff als Matrose durchgehen würde. Ich machte damit auch wohl bei Juri und Hartmuut Eindruck. Als ich mich mit beiden in meiner neuen blau-weiß gestreifte Leinenhose, den eleganten (und praktischen) Schnallenschuhe, der hellblauen langen Weste (oder ist es ein ärmelloser Rock?) und dem Scharlachroten Kopftuch am vereinbarten Treffpunkt erschien, mussten sich beide offensichtlich beherrschen ihrem Erstaunen nicht Ausdruck zu verleihen. Ich bin sicher Hartmuut wollte eigentlich Lachen, aber aus Höflichkeit (oder Respekt) versuchte er es zu unterdrücken. Das zeigte mir, ich lag mit meiner Wahl richtig. Juri sagt nichts, sondern zog nur eine Augenbraue hoch. Vielleicht dachte sie, ich will ihr imponieren oder sie imitieren. Sei's drum.
Was ich beiden – noch – nicht gezeigt habe, sind die Ergänzungen für meine bisherige Kleidung: Wildlederstiefel mit weicher Sohle sowie Hosen und Hemd aus mattem Stoff - alles in gedeckten Farben. Zusammen mit Teilen meiner Reisekleidung werde ich damit in jedem Schatten untertauchen, aber auch bequem auf jedes Dach klettern können.
Mit den Gefährten machte ich mich dann auf, um Akbash zu treffen. Ich war etwas verwundert, als es zu einem Etablissement Namens Seidenkätzchen ging. Aber die Beiden versicherten mir, dort würden wir Akbash treffen.
Der Besuch fing schon nicht gut an. Der bullige Kerl am Eingang in seiner eleganten Kleidung meinte, einen Scherz auf meine Kosten machen zu können, indem er zu mir sagte: Lustknaben nur von hinten. Ich holte gerade Lust, um ihm die Meinung zu sagen, als Harmuht mit einem: der Junge gehört zu uns, wir suchen Akbash. Mich mit sanfter Gewalt an der Nachgeburt eines schielenden Orks vorbei nach Innen bugsierte.
Das Innere bot zwar einen angenehmen Anblick, doch war mir nicht ganz wohl. Merkte ich doch, daß hier nicht nur fleischliche Genüsse feilgeboten wurden. Der Geruch der Blumen und Räucherschalen überdeckte es zwar, doch konnte ich einen wohlbekannten schweren Duft wahrnehmen. Zum Glück hatte ich keine Albträume mehr, sonst wäre ich wohl sofort in Richtung der Wasserpfeifen gestürzt.
Akbash fanden wir in einem Separee in Gesellschaft. Juri und Hartmuht übernahmen das Reden, wie abgesprochen. Sie hatten mir auf dem Weg nochmal eindrücklich klar gemacht, daß ich besser Schweigen sollte, zumindest solange, bis klar sei in welcher Stimmung Akbash ist. Hatte ich erwartet, daß ihn das Verhalten von Aurelia, uns nicht begleiten zu wollen, irrtierte, zeigt er sich stattdessen amüsiert.
Als ich meinen Part vortragen durfte, in dem ich erklärte, daß wir (oder besser ich, aber ich versuchte meine Rolle nicht in den Vordergrund zu spielen) alles unternommen hätten, um Aurelia zu überzeugen, mit uns zu kommen, lachte er. Wörtlich sagte Akbash mit eine wegwerfenden Gest: Alles super gemacht, Motte! Kannst froh sein, daß sie dir nicht noch den Arsch versohlt hat, die ist nachtragend und aufbrausend, bei Laros galligem Auswurf! Komm, ich spendier dir ne Runde im Seidenkätzchen, du bist jetzt ein echter Kerl!
Dann grinste er anzüglich. Und auch meine Gefährten zeigten einen ähnlichen Gesichtsausdruck. Wieder war ich das kleine Kind. Aber diesmal wollte ich nicht wegrennen oder schreien. Ich war einfach nur müde. Daher protestiert ich auch nicht, als eine leichtbekleidete Schönheit mich an die Hand nahm und zu einem kleinen Nebenzimmer führt.
Dort erst erwachte ich aus meiner Starre, als sie anfangen wollte mir meine Hosen auszuziehen. Ich war darauf sehr erschrocken, was sie innehalten lies. Sie begann dann sich selbst zu entkleiden und ihre Reize zu präsentieren. Schnell erklärte ich ihr, daß ich kaum Erfahrung in der Intimität mit Frauen hätte. Sie meinte, daß sie dafür umso mehr mit allen Spielarten der körperlichen Liebe vertraut sei und ich nur mich ihr überlassen soll. Da ich weder sie beschämen, noch Akbash verärgern wollte, aber mich auch sicher nicht vor Anderen entkleiden wollte, suchte ich nach einer Lösung.
Ich erzählte wahrheitsgemäß, daß mein Begehren mehr dem anderen Geschlecht gelten würde. Da sie aber sicher anteilig für ihre Dienste bezahlt werden würde, wollte ich nicht, daß nun ein Lustknabe ihr Geld verdienen sollte. Daher wollte ich schon bei ihr bleiben. Das schien sie zu akzeptieren. Wir tranken etwas von dem Wein, der im Zimmer bereitstand und wohl noch mehr als nur Wein enthielt. Denn dann küsste sie mich und wir begannen ein wenig zu Schmusen.
Erst hatte ich das Gefühl es würde, wie mit der Rattenmutter, aber die aufwallende Panik legte sich schnell. Stattdessen wurde es, wie damals an Beltane mit Rodina. Und so fand ich mich dann mit ihr engumschlungen auf dem Bett wieder. Wie damals war es angenehm, aber nicht mehr. Immerhin konnte ich vermeiden, daß sie mir neugierig unter die Kleidung ging. Sie akzeptierte, daß ich noch schmerzhafte Blessuren von unserer Aventurie hätte. So erklärte ich ihr zumindest, warum ich zusammenzuckte, als ihre Hand unter meinen Hemd ging und dort die Leinenbinden ertastete. Wir ruhten dann noch gemeinsam eine Weile Arm in Arm. Ich verabschiedete mich schließlich elegant. Auch lies ich ein paar Münzen bei ihr, um ihr Schweigen zu erkaufen, auf daß sie nicht weitererzählen möge, daß nichts passiert war.
Jetzt aber habe ich genug getrödelt und in meiner Angst vor der Begegnung mit Juri und Harmuht viel Unsinniges geschrieben. Ich werde jetzt aufstehen und in den Schankraum gehen. Motte ist stark und hat keine Angst vor einem Gespräch unter Freunden. Zur Not trinke ich erst noch einen Rum, oder zwei.
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