Zwischen Albtraum und Wirklichkeit
Gleich brechen wir in Richtung der Atsea auf. Zumindest in die Richtung, wo wir sie verlassen haben. Mit etwas Glück liegt sie noch vor Anker und wartet auf uns. Und Glück können wir wirklich gebrauchen. Mir scheint es, wenn wir noch länger auf dieser Insel bleiben, werde ich an Geist und Körper total zerrüttet sein. Oder ich werde mich wieder dem Schlafmohn hingeben. Viel fehlt nicht. Denn ich kann nicht gerade sagen, dass es bei uns so gut läuft, wie in den Abenteuergeschichten.
Tatsächlich braucht es nicht viel, dann werden Juri und ich uns wohl an die Gurgel gehen. Lange halte ich ihre ständige Zurechtweisung, moralische Überlegenheit und Besserwisserei nicht mehr aus. Hartmuut konnte ihren Hang zur Matrone wenigstens immer mit grummeliger Freundlichkeit ausgleichen. Aber an seiner Statt ist nun eine weitere Xaan, aus der ich nicht schlau werde. Zumindest erscheint Wahnsinn immer weniger als Bedrohung, sondern als Option. Aber von Anfang an.
Wie befürchtet erwachte ich mit einem Kater vom Trinken. Jedoch geringer, als ich erwartet hatte. Der Wein war wohl exzellent, aber das wage ich nicht zu beurteilen. Dennoch dachte ich, er würde noch nachwirken. Denn ich vermeinte, dass ich Halluzinationen hätte oder der Wahnsinn der verfluchten Insel mich langsam in ihren Bann schlägt. Ich dachte, ich sehe schon Juri doppelt. Aber schnell erkannte ich, da war noch ein zweites Xaan-Mädchen. Das pausenlos sagte, dass etwas nicht stimmt. Ich machte mir nicht weiter Gedanken, denn ich spürte eine seltsame Übelkeit in mir. Erst jetzt merke ich, dass mich das Erscheinen der neuen Xaan gar nicht wunderte. Wir machten uns ungerührt bereit zum Aufbruch. Selbst, dass Hartmuut nicht zu finden war, weckte nur kurzes Schulterzucken.
So war es auch nur eine weitere Seltsamkeit, als wir aus der Festung nach draußen traten und sich der Himmel ganz anders darbot. Er hatte eine seltsam lila-grün-gelbe Farbe, die ineinander floss, wie Milch in Tee. Hinzu kam, dass auch noch seltsame blau-weißes Elmsfeuer über den Himmel zuckte. Doch das war nicht, was meine Übelkeit verstärke und mir fühlbar das Blut aus dem Gesicht trieb.
Unsere Feinde hatten sich versammelt. Alle! Bewaffnete Gnolle angeführt von einem Hexenzirkel dem eine schwangere rothaarige Elfenvettel vorstand – Isandra! Vereint mit den Schergen der Hanse. Natürlich war Seven-Knifes dabei – sein fehlender Arm war durch ein magisches Konstrukt ersetzt. Mit diesem hielt er eine Rotte Skrang an Ketten, die Familie von James. Angeführt aber wurden sie von IHM. Ein spöttisches Grinsen im Gesicht, wie ich es zur Genüge von ihm kannte. Und ich wusste es wurde breiter, überlegener und ekelerregender, als er mich sah.
Der real gewordene Albtraum stand uns gegenüber. Und ihre Forderung war klar – unterwerft euch oder sterbt, einen langsamen und grauenhaften Tod. Unsere Antwort war klar – zumindest von mir und James. Es konnte nur eine Lösung geben – wir brechen durch oder sterben.
Kaum hatten wir das deutlich gemacht, gab ER den Befehl und die Musketen-Schützen feuerten. Wie so häufig waren die Schergen keine Scharfschützen. Trotzdem erwischte mich eine Kugel an der Hüfte zerfetzte mein schickes Hemd und schickte einen scharfen Schmerz bis in die Haarspitzen. Nur mit Mühe konnte ich mich aufrecht halten.So schaffte ich auch kaum den Angriff der Schergen abzuwehren, die fast zeitgleich auf uns einstürmten. Schon hatten sie mich gepackt und alles Schreien und Toben nützte nichts. Nicht einmal an meine Messer gelangte ich, um meinem Leben ein Ende zu setzen. ER sollte mich nicht nochmal in seine Finger bekommen. Denn mir war klar, was ER mit mir tun würde. ER ist ein Meister der Schmerzen. Heiß liefen mit die Tränen über das Gesicht, meine Stimme versagte, nicht einmal schreien konnte ich.
Und so ging es allen. James wurde von Seven-Knifes gebunden, Juri durch die Hexe niedergestreckt. Wir waren gefangen und wurden in einen Käfigwagen geworfen. Aber etwas stimmt nicht, wie Korva, die Xaan-Frau, die ganze Zeit betonte. Über die wir uns zu dieser Zeit immer noch nicht weiter wunderten – das hätte mir zu denken geben sollen.
Wenn ich denn hätte klar denken können. Aber meine Gedanken rasten. Hatte ich versagt, bevor ich beginnen konnte? War dies der Beginn der Qualen, die mir die Eisprinzessin angedroht hatte. Würden die Jahreszeiten meine geschundene Seele auf das Rad flechten? Ich war tief in meinem Selbstmitleid und meiner Angst versunken.
Dann aber gelang ein Blick hinter den Schleier. Juris sonst so entnervende Art der Penetranz schaffte es, uns davon zu überzeugen, dass wir auf Ebene der Träume gefangen wären. Nicht sehr beruhigend, dann es ist zwar nicht möglich im Traum zu sterben, aber wohl im Schlaf. Also mussten wir uns befreien – im doppelten Sinne. Aus dem Käfig und aus dem Traum.
Mir gelang es nun, da ich einen Fokus für mein Handeln hatte, mein Messer aus kaltem Stahl zu ziehen. So konnte ich die Fesseln, welche mich hielten zerschneiden. Und kaum hatte ich das getan, verschob sich meine Wahrnehmung, wie sich sonst der angenehme Rausch des Schlafmohns in meinen Kopf geschoben hat. Ich – ebenso, wie meine Gefährten – wurde von schleimigen Tentakel gehalten. Der Käfig war ein lebendes Wesen. Ekel schüttelte mich, da überall unbeschreibliche Dinge über uns krabbeln. Ich hakte mit meinem Messer, wie wild auf das Alles ein. Und dann begann meine Wahrnehmung Blasen zu werfen. Mein Blick wurde...
-
Mittlerweile ist mein Zorn verraucht. Juri hat mich grob unterbrochen. Auch jetzt kann ich nur schnell einige Zeilen niederschreiben. Sie treibt uns zur Eile, dass wir schnell das Schiff erreichen. Benimmt sich schon als ob sie Kapitäna wäre. Mich treibt das Verhalten in den roten Zorn. Diese Insel ist nicht gut für mich. Mein Kopf pocht. Gelegentlich meine ich für einen Wimpernschlag die Albträume wieder zu sehen. Mir fehlt Hartmuuts besonne Art. Juri kommt aus dem Chaos und will Ordnung. Ich komme aus der Ordnung. Juri kann das nicht verstehen. Die dumme Kuh mit ihrem belehrenden Ordnungstick. Sie hat solche Angst vor dem Abgrund, beinahe wie die Hexenjäger. Schon wieder drängelt sie.
-
Im Schatten eines Felsen machen wir Rast. Es ist dringend nötig. Meine Füße schmerzen, mein Mund ist ausgedörrt und am Rande meines Blickfeldes erscheinen Schemen, die in die Realität drängen wollen. Was würde ich für etwas Opium geben, um meine Gedanken zu beruhigen. Aber ich will die Pause nutzen und so viel als möglich zu Papier bringen.
Wir fanden uns nach der Flucht aus dem Käfig prompt im Raum mit dem Bassin wieder. Dort wo wir uns zum Schlafen niedergelegt hatten. Der kalte Schauer lief mir über den Rücken. Der Abgrund schaut zurück. Etwas ist da draußen und lauert im Dunkeln.
Korva, das Xaan-Mädchen, war immer noch da. Hartmuut dagegen fehlte. Jetzt in der Realität – ich hoffe es ist die Realität und nicht ein Traum im Traum – bestürmten wir sie misstrauisch mit Fragen. Ihre Antwort, dass Aurelia sie geschickt habe, war wenig einleuchtend. Es konnte nicht erklären, wie sie hierherkam, noch wo unser Gefährte ist. Dann drang plötzlich eine Stimme aus dem magischen Spiegel. Aurelia nutzte ein Halsband, um mit uns zu kommunizieren. Ihre Geschichte ließ uns schaudern – und bestätigte, was ich von der Eisprinzessin und dem Grünen Mann erfahren hatte.
Handlanger der Runenherrscher haben ein Tor geöffnet. Dämonen konnten so Port Grimm heimsuchen. Die Helden der Gesellschaft sind los zur Drachenkrone das Tor schließen. Derweil hat Zippy ein Lager zur Verteidigung in Port Grimm errichtet. Wir sind uns nicht einige, ob das eine Rettung ist oder jetzt alles verloren ist. Denn wir sollen nicht direkt zurückkehren. Wir sollen auf Okeno, der Manifestation einer Albtrauminsel, bleiben und Nachforschungen anstellen.
Denn es gibt Hinweise, dass Port Grimm angriffen werden soll. Gerade jetzt, wo es nahezu schutzlos ist. Noch ist unklar ob von der Hanse oder den Gelben Segel oder beiden. Wir sollen in einer Kaschemme - dem Warp – anfangen mit unserer Suche. Juri scheint diese Kneipe zu kennen. Wenig überraschend.
Das hat aber nicht erklärt woher die Xaan so plötzlich zu uns kam. Vielleicht hat es mit dem Angriff der Albtäume zu tun. Juri hat eine wirre Geschichte von Albtraum-Hexen erzählt. Aber dies war etwas anderes. Das war eine Sphärenkonjugation. Hätte ich doch mich nicht von Tante Baunz abhalten lassen. Hätte ich doch das Schwarze Buch von Jutz über die Sphären gelesen.
Sicher ist nur. Die Geschichte, dass Korva in einem Waisenhaus aufgewachsen ist stimmt so nicht. Sie ist eine Diebin, vielleicht gar eine Assassinen? Bisher konnten wir ihr noch nichts weiter entlocken. Aber wenn Aurelia sie geschickt hat, dann scheint sie in Ordnung zu sein.
Daher ging es sogleich daran den neuen Auftrag zu erfüllen. Sicher konnte uns der gefangene Magier hier helfen. Dachte er doch, wir sind zu ihm ausgeschickt, um die Fortschritte zu kontrollieren. Wieder konnte ich hier das Wissen meiner Vergangenheit einsetzten – ein gutes Gefühl – das mich unbedarft macht. Korva fragte mich dabei woher ich soviel über das Graue Konzil weiß. Da ich Juri und Harmuut von meiner Ausbildung erzählt hatte erwähnte ich unbedacht, dass ich dort ausgebildet wurde. Juri hatte dies damals wohl überhört und war fassungslos. Doch auch ich war leichtsinnig. Ich ließ fallen, dass ER mein Mentor gewesen ist. Weshalb ich seinen Kopf ja auch der Eisprinzessin und ihren Gefährten versprochen habe. Das war der Punkt an dem Juri komplett aus der Haut gefahren ist.
Nur weil es nicht in ihre Gedankenwelt passt, dass mich die grausame Herrscherin bei meiner Rache unterstützt und ich ihr und den anderen Personifikationen der Jahreszeiten den Kopf meines schlimmsten Albtraums, meiner Nemesis, opfern will, damit sie den Fluch von mir nehmen. Ich hatte mir mehr Verständnis von einer Hexe erwartet. Schließlich dient sie auch irgendeiner Personifikationen der Gezeitenkräfte. Sie gibt sich ihr sogar ganz hin. Ich habe immerhin einen Handel geschlossen. Ein kalkuliertes Risiko, dessen Auswirkungen ich alleine tragen werde. Immerhin konnte ich den roten Zorn im Zaum halten – auch wenn es mich Mühe kostet. Ich merke diese Insel verschlimmert ihn. Aber vielleicht kann ich den Zorn zusammen mit meinem Fluch bannen.
Immerhin konnte dem Magier mit meiner Hilfe die Information entlockt werden, wie der tote Briefkasten funktioniert. Ein Anfang, um das Informationsnetzwerk des Grauen Konzils anzuzapfen. Die Lords von Okeno sind zerstritten, aber vereint gegen Port Grimm. In der Stadt haben „Die Nebel der Königin“ sicher auch ein Interesse, dass die Hanse nicht Okeno übernimmt. Vielleicht sind sie Verbündete, wenn es darum geht den Angriff abzuwehren, indem wir unsere Feinde gegeneinander lenken. Das Handelshaus Korta Hagen hat Verbindungen zu den Scoorn auch hier bietet sich vielleicht eine Möglichkeit. Eine Kabale muss gesponnen werden.
Letztlich bleibt die Frage ob ER auf eigene Rechnung arbeitet oder das Imperium die Fäden zieht. Es würde mich nicht wundern, wenn ER vom Chaos korrumpiert ist. Die Qualen Anderer haben ihm schon immer Freude bereitet. Das musste ich ja selbst mehr mal erfahren. Dient ER vielleicht der Macht von Slaanesh? Aber es gibt auch eine Verbindung zu den Gossenzwergen. Diese weiß ich nicht einzuordnen.
Entgegen James (und wohl auch Korva, da bin ich mir nicht sicher) Wunsch, den Magier zu töten, haben wir ihn weiterhin mit uns. Wir haben ihm die Geschichte erzählt, dass er „zur Tarnung“ genauso als Sklave, wie die anderen drei Sklaven gefangen bleiben soll. Ich hoffe er glaubt es und spielt und nichts vor. Das könnte sonst sehr unangenehm werden, etwas, das Juri auch nich thören will. Zumindest nicht von mir.
Es ist alles so durcheinander. Albtraumdimension, Dämonen und diese verfluchte Insel. Hoffentlich ist es in Okeno besser. Zumindest muss ich dann keine Angst vor den Stacheln der Kakteen haben. Und vielleicht gelingt es uns dann auch zu erfahren, was mit Hartmuut geschehen ist. Er ist neben James die einzige Person, die an mich glaubt.
0 comments:
Kommentar veröffentlichen