Ankunft in Okeno
Wir haben Hartmut an Bord der Atsea wieder getroffen. Er erzählte uns, dass er dort plötzlich war. Erwacht aus einem Albtraum. Wir wunderten uns nur wenig, so viel ist mittlerweile unerklärlich. Stattdessen machten wir ihn mit Korva bekannt. Korva trau ich noch nicht. Sie hält sich eher zurück. Dafür strahlt sie die Gefährlichkeit eines hungrigen Panthers aus. Aber ich denke, das wird sich im Laufe der Zeit noch ändern. Schließlich bürgt Aurelia für sie.
Auch wenn ich mich freute Hartmuut und seine herzlich-raue Art wieder zu treffen – ich bin ausgelaugt. Daher nahm ich es auch gleichmütig, dass die Besatzung der Atsea in den letzten Tage ebenfalls ihre Albträume erlebte. Sie litten fürchterlich – hatten sie ja auch einiges mehr auf ihr Gewissen geladen, als wir – nun zumindest ich. Aber das kümmerte mich ebenso wenig, wie, dass Juri ihre Fähigkeit im Fabulieren nutzte und den Seeleuten mit einer wohl inspirierenden Ansprache neuen Mut zu sprach. Ich nahm vor allem wahr, dass sie ihre Energie nicht nutzte, um mir irgendwelche Vorhaltungen zu machen. Das einzige, was mich wirklich im Innersten rührte, was das Lichten des Ankers. Endlich ging es weg von der vermaledeiten Wüste und auf See in Richtung Okeno.
Auch wenn ich den Himmel kaum mehr als ein Blinzeln schenke – er ist immer noch verstörend. Es scheint, dass andere Sterne stehen. Die Sonne ist, wie hinter Schleiern verborgen. Aber schlimmer ist noch, dass die Albträume mit jedem Schlaf in unsere Welt kommen. Alle – auch die Härtesten der Besatzung, haben Angst zu schlafen. Rote Augen und fahrige Bewegungen zeugen davon. Es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis die ersten einem Unfall erliegen oder sich selbst ein Ende setzten. Juri meinte es wäre ein Werk der Albtraum-Hexen. Ich bin mir nicht sicher. Träume senden Botschaften. Albträume wollen uns warnen.
Ich habe daher einen Selbstversuch gestartet. Natürlich ohne die Wasserhexe davon in Kenntnis zu setzten. Sie hätte sicher wieder irgendeinen Grund, um es mir auszureden. Auch Hartmuut und James habe ich nicht informiert. Ersteren, weil ich mehr Rum benötige, als meine Ration zu lassen würde, um meine Nerven zu beruhigen. Letzteren, weil ihn das kaum zu interessieren scheint. Ich weiß nicht einmal, ob Echsen träumen. Ich sollte es in einem nächsten Schritt herausfinden.
Aber zurück zu meinem Experiment. Ich suchte mir ein ruhiges Plätzchen. Schließlich will ich mich ungestört meinen Albträumen stellen, aber vor allem umgehend aufschreiben, was ich erträumt habe. Der Schlaf kommt schnell und mit ihm die Träume. Was lange währt, ist nach dem Erwachen wieder ruhig zu werden, so dass ich die Feder führen kann. Denn trotz aller Vorbereitung zehrt die Erfahrung an Geist und Körper. Der Rum hilft ein wenig, läßt aber bereits in der Wirkung nach. Stärkeres will ich aber noch nicht probieren.
Seit wir auf See sind, durchlebe ich bislang immer wieder den gleichen Traum. Meine erste Strafe durch IHN – fünf Hiebe der Disziplin mit der Bullenpeitsche, vor der versammelten Besatzung, befehligt von Five-Knifes. Das zumindest bleibt immer gleich, aber die Details ändern sich. Mal ist es die Besatzung, die dämonisch verzerrt ist, mal der Himmel, ein andermal sind wir nicht auf dem Schiff. Aber immer wird deutlich, ER hatte etwas besonderes mit mir vor und will meinen Willen brechen.
Jetzt am Tag bevor wir in Okeno einlaufen war das Ende ein anderes. Sonst liege ich, wie damals, wimmernd, blutend und mich vor Schmerzen windend auf dem Boden, bis mir ein Eimer Meerwasser über den Rücken geschüttet wird, was mich schreiend und mit schmerzendem Rücken aufwachen läßt. Diesmal aber kam kein Wasser. Stattdessen erschien die Rattenmutter. Sie flüsterte mir beruhigende Worte ins Ohr. Dann begann sie vorsichtig und zärtlich meine Wunden lecken. Ein wohliger und süßer Schauer ging durch meinen Körper, als sie sich an mich schmiegte. Wieder flüsterte sie, doch diesmal mit zischelnden Lauten. Auch war ihr ansinnen ein anderes. Und als ich spürte, ihre Haut war mit Fell bedeckt und ein langer Schwanz drängte sich um meine Beine, merkte ich – sie war zum Avatar des Kriechers im Unrat geworden. Sie wollte mich mitnehmen in die Tiefe und tatsächlich hatte Finsternis bereits uns beide umgeben.
Ich bin schreiend aufgewacht. Das Hemd völlig von Schweiß durchtränkt, mein Rücken brannte, wie Feuer. Ich brauchte drei Versuche die Rumflasche zu öffnen. Danach trank ich sie in einem Zug aus. Noch ist mir nicht klar, was der Traum mir sagen will, sicher ist aber, ich brauche ein Bad und meine Kleidung muss gewaschen werden.
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Gleich werden wir einen Landgang in Okeno unternehmen. In die Kaschemme namens Warp. Das hebt gleicht meine Laune. Endlich wieder eine Stadt. Schluss mit dem staubigen Einerlei dieser dreimal verfluchten Wüste im Hinterland mit ihren mörderischen Kakteen. Damit wir nicht sofort erkannt werden – sicher ist sicher – mache ich mich ein wenig zurecht. Ich bin nicht gut im Verkleiden, aber für die Stadt wird es reichen. James wird mein treuer Leibwächter sein. Die anderen sind sie selbst. Nun gut Harmuut hat einen lächerlich großen Hut mit einer protzigen Feder aufgesetzt (er nannte es imposant) – für Okeno muss das reichen.
Die Besatzung scheint erleichtert – es besteht die Aussicht auf Rum – und vielleicht sind die Albträume in der Stadt nicht ganz so schlimm, wenn Viele auf einem Haufen sind. Die Stadt zumindest platz aus allen Nähten. Fast alle Liegeplätze sind besetzt. Die Gelbe Flotte scheint komplett versammelt zu. Auch Schiffe der Hanse – sogar drei Galleonen – liegen im Hafen. Mich wundert, dass die Hanse hier so offen auftritt. Selbst für sie ist dies ein Piratenhafen. Etwas ist im Gange. Ich frage mich, ob die Kaiserlichen davon Wissen. Wird vielleicht das Graue Konzil ausgenutzt. Ist es gar korrumpiert? Langsam fange ich an so zu denken, wie die verfluchten Hexenjäger.
Aber meine Experimente mit den Täumen bestärken mich. Es ist offensichtlich: Träume lügen nicht – nur ist ihr Wahrheit tief verborgen. Denn unter den Hanse-Schiffen ist auch die Bunte Kuh – SEIN Schiff. ER hatte schon immer einen Hang den Schrecken hinter harmlosen Namen zu verstecken. Das erklärt auch warum in ich meinen Albtraum stets von einem buntgescheckten Minotaurus ausgepeitscht wurde. Nur Frage ich mich immer noch, was mein letzter Traum wohl bedeuten könnte. Es war überaus seltsam und ich kann mir keinen Reim darauf machen.
Ich war in einem hellen Raum auf einen Tisch aus Metall gefesselt. Als ich den Kopf bewegte waren dort Gestalten in weißen Rüstungen mit Masken aus Glas und Stoff vor den Gesichtern. Die Wände waren mit funkelnden Lichtern bedeckt. Alles beunruhigend, aber noch kein Albtraum. Dies änderte sich, als ich merkte, dass ein Golem aus Metall an den Tisch trat – oder über mir schwebte, ich weiß es nicht mehr genau – und begann meinen Körper mit präzisen Schnitten zu malträtieren. Er entfernte meine Beine und ersetzte sie durch Prothesen aus Metall. Als er dann meine Augen mit Murmeln ersetzen wollte, bin ich schreiend aufgewacht.
Wo ich jetzt darüber sinniere merke ich: Ich freue mich nicht nur auf den Rum – langsam kann ich mal wieder einen guten Schluck gebrauchen.
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Gute Güte, was für ein Tag. Ich kann gar nicht alles so exakt aufzeichnen, wie es sich zugetragen hat. Aber ich gebe mir Mühe. Das Warp ist tatsächlich der Sammelpunkt des Abschaums der Südsee. Selbst meine Erfahrungen in Port Grimm und die schlimmsten Beschreibungen in den Abenteuern Eritha Kreuzfahrers wurden hier tatsächlich übertroffen. Da fiel es schwer sich des Mottos der Infiltration zu bedienen: willst du unauffällig sein, benehme die auffällig. Aber wir gaben uns trotzdem alle Mühe uns so zu benehme, als ob die Kneipe uns gehören würde. Es tat mir gut, endlich alle Flüche und Beleidigungen los werden zu können, die mit seit Wochen auf der Zunge liegen. Selbst der gepanschte und mit Gewürzen versetzte Rum konnte mich nicht schrecken. Ich fühlte mich großartig.
Aber wir waren ja nicht nur zum Vergnügen im Warp. Wir wollten ja herausfinden, wie wir mit den Agenten des Grauen Konzils in Kontakt kommen könnten. Also suchten wir zwischen den Steckbriefen und Angeboten die verschlüsselte Botschaft der Grauen Magier. Es war ein Leichtes die Nachricht zu finden. Auch der Code war leicht geknackt. Es war ein Liegeplatz im Gelben Hafen.
Zu meinem großen Bedauern nahmen wir auf den Erfolg keine zweite Runde. Stattdessen kam es Dank der impulsiven Art von Juri zu einer Begebenheit, die eine ganz Kette von Ereignissen in Gang setzte. Ich will gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn ich so gehandelt hätte. Mich mahnt Juri immer zur Vorsicht, aber selbst springt sie kopfüber in unbekannte Gewässer. So sind die Seehexen wohl. Sei's drum - Wir wurden von einem Werber der Hanse angesprochen, der Schläger für eine Expedition anheuerte.
Aus welchen Gründen auch immer – vielleicht lag es ja am gewürzten Rum – Juri und Hartmut wollten sich zum Schein verdingen. Es blieb uns anderen nicht viel übrig als mitzuspielen. Schließlich konnten wir nicht mitten im Warp eine große Diskussion beginnen. Als aber ein Zeichen in die Haut geritzt werden sollte, läuteten bei mir alle Alarmglocken. Zeichen? Wie Bindungszeichen? Wer wusste, was dieses Zeichen bewirken konnte? Aber mir war es egal, ob sie uns in Schwierigkeiten bringt. Ich fühlte mich lebendig, wie lange nicht. Daher ging auch ich auf den Handel ein. Aber um nicht gezeichnet zu werden griff ich zum Mittel der Illusion. Der Zauber glückte formidabel. So sorgte ich dafür, dass ich nicht gezeichnet werde und James konnte ich ersparen, ein Sklavenhalsband angelegt zu bekommen.
Mir war klar – Zwei von uns mussten handlungsfähig bleiben. Denn dann ging es in Richtung unseres Schiffs. Hier wurde es kritisch, weil Ja'ama – der Werber – sich überrascht zeigte, dass die Gelbe Flotte zur Hanse überlaufen will. Denn dies ist eigentlich ein Vertrauensbruch und wird mit dem Tod vergolten. Aber wieder kann Juris Talent Geschichten zu erzählen, die Situation retten. Es ist offensichtlich, die Hanse will keinen Streit mit der Gelben Flotte.
Als Ja'ama mit seinen Gehilfen auf unserem Schiff ankommen, gab Juri das Zeichen zum Angriff. Sofort griff ich nach meinen arkanen Kräften. Wenn es mit der Illusion so gut geklappt hatte, sollte es doch auch mit Geistesschlag gelingen. Ich fühlte, wie sich die Macht des Zaubers in mir sammelte, meine Fingerspitzen zu kribbeln begannen und die beinahe körperliche Erleichterung als sich die Magie ihren Weg bahnte. Und wie erwartet konnte ich damit Ja'ama niederschlagen.
Dann brach die Hölle los, als die Gehilfen sich gegen uns wendeten. James, Hartmuut und Korva nutzen ihre Waffen, Juri und ich die Magie. Bereits zuvor war uns aufgefallen, dass etwas mit den Gehilfen nicht stimmen konnte. Und tatsächlich - das Knirschen und die Funken zeigten, es waren keine Menschen – es waren Metallgolems. Aber auch diese waren durch uns schnell überwunden.
Denn endlich gelingen auch meine Zauber wieder. Vielleicht lag es ja an diesem Höllenloch von Wüste? Jedenfalls konnte ich hier, in Okeno, auf einem Schiffe ohne Probleme einen Schergen mit meiner Zauberhand greifen. Sogar ihn einige Schritt in die Höhe heben klappte ohne Anstrengung. Die Idee ihn dann auf einen Schergen fallen zu lassen, hätte ich nochmal überdenken sollen. Denn sie durchschlugen ob der Wucht das Deck – aber zum Glück nicht die Hülle. Sicher hätte dann nicht nur Juri geschimpft. Sei's drum – es ist ja nichts passiert und das ist, was zählt.
Nachdem die Metallgolems ausgeschaltet waren, konnten wir uns an die Durchsuchung und Befragung Ja'amas machen. Dieser hatte meinen Zauber nicht abschütteln können – vielleicht sollte ich wirklich nachforschen, ob die Wüste einen Einfluss auf meine arkanen Kräfte hat. Aber ich will mich auf das Wesentliche konzentrieren. Die nachfolgende Befragung und Untersuchung war aufschlussreich.
Wie vermutet war das Zeichen magisch. Das eingesetzte Salz senkte die Willenskraft. So wäre es ein leichtes Zauber der Illusion und Beherrschung über die Träger zu wirken. Nochmals ein Hoch auf meine erfolgreichen Zauber – nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Ja'ama Hartmuut oder Korva so beherrscht hätte, dass sie sich gegen uns gewendet hätten. Dann wie sich zeigte war Ja'ama selbst ein Magier, wohl ein Thaumaturg, dann er trug allerlei seltsame Artefakte bei sich – Diamantenstaub, Schutzringe, Amulette und Fläschchen über Fläschchen. Außerdem eine Art Miniaturklistier – so klein, dass ich mich fragte, wem dies wohl zugedacht sei – aus einem Material, wie Glas, nur leichter und mit einer Hohlnadel.
Zu unser aller Erstaunen erkannte James dieses wundersame Artefakt. Er meinte, damit werden Tränke in Muskeln injiziert. Es stamme wohl von der Technikliga. Diese würden in der großen Wüste östlich von hier einen Metallberg, der vom Himmel gefallen sei, verehren. Laut den Legenden würde er von Höhlen durchzogen sein, die gefüllt wären mit thaumaturgischen Wundern. Auch die Metallgolems sollen von dort stammen.
Ich bin immer noch von diesen Geschichten fasziniert. Besonders groß ist bei mir die Frage, wie sie es schaffen die Metallgolems mit arkaner Energie zu koppeln. Bisher wusste ich nur, dass organisches Material und bestimmte Steine für Golems geeignet sind. Metall war ein Mythos – soviel Orichalkum wäre ein Königreich wert. Vielleicht ergibt sich ja die Möglichkeit hier mit Ja'ama noch ein wenig zu plaudern.
Zu seinem Ansinnen berichtete er, dass er im Auftrag der Technik-Liga das geheimnisumwitterte Xin-Shallast finden wolle. Etwas, dass auch die Gesellschaft gerade beschäftigt. Aber noch interessanter – Ja'ama meinte, dass ER ebenfalls auf der Suche nach der magischen Stadt sei – auf eigene Faust!
Es scheint, dass wir hier einen Verbündeten haben könnten, aber können wir ihm trauen? Und sollen wir den Auftrag Aurelias einfach ignorieren? Wir dürfen den Fokus nicht verlieren. Die Gesellschaft verlässt sich auf uns. Es gilt schließlich noch eine Invasion auf Port Grimm zu verhindern. Auch sollen wir ein Netzwerk aufbauen, dass die Gesellschaft mit Informationen aus Okeno versorgt. Vielleicht ist meine Ausbildung doch zu etwas gut. Und auch meine Rache scheint greifbar. Denn vielleicht läßt sich der Angriff auf Port Grimm verhindern, indem wir die Gelbe Flotte gegen die Hanse ausspielen und dies kann ich nutzen, um den Schlag zu führen, der mich von IHM befreien wird. Das klingt nach einem Plan!
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